Theaterfestival

Domfestspiele eröffnen mit Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“

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Wehklagen: Vor Gott (Dinipiri Collins Etebu, links) kniet Jedermann (Marco Luca Castelli).

Bad Gandersheim. Die Domfestspiele eröffnen mit einem präzise konstruierten, tollen "Jedermann", der sogar die Domfassade einbezieht.

In Särgen und um Särge herum entwickelt sich „Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“. Vor dem Domportal in Bad Gandersheim eröffnet Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“ die 60. Spielzeit. Das ist eine Hommage an die Festspieltradition, die 1959 mit dem Mysterienspiel um einen Mann, der in der Todesstunde erkennt, dass er in all seiner wichtigtuerischen Gier nach Besitz allein ist, begann.

Die Regisseurinnen Laura und Lisa Goldfarb nehmen die Konstruktion des Stückes ernst, in dem Glaube, Mammon, Tod und gute Werke als allegorische Figuren auftauchen, und gehen stringent weiter in die Abstraktion. Hier trägt die Buhlschaft nicht Abendrobe mit ausladendem Dekolleté, es gibt keine Kostüme, die den Jedermann als Wirtschaftsboss oder Banker chakterisieren würden, keinen Chichi.

Ausstatterin Simone Graßmann hat vielmehr das gesamte Ensemble in schwarze Hosen, Leinenschuhe und graue Langarmshirts gekleidet. Mit minimalen Accessoires werden die Hauptfiguren gekennzeichnet – Jedermann (Marco Luca Castelli) mit roten Schuhen, der Glaube mit einem roten Kreuzanhänger, die Buhlschaft mit roten Lackpumps (beides Felicitas Heyerick), der Teufel (Jan Kämmerer) mit roten Streifen auf der Stirn. Das passt perfekt zu dem überzeugenden Regieeansatz, das Geschehen mal in traurig-elegante, mal heiter-beschwingte Bilder zu fassen. Dafür gab es viel Applaus im Stehen.

Schlichte Kästen und Bretter, die immer wieder Särge, aber auch Wirtshaustisch, Liebesnest oder Beichtstuhl werden können, bieten die Grundlage der variablen Bühnenoptik, das ausdrucksstark aufspielende Ensemble mit seiner großen körperlichen Präsenz und seiner tänzerischen Kraft erzeugt eindrucksvolle, präzise choreografierte Szenen, die die Zeitlosigkeit des Stoffs ins Zentrum stellen. Das ist überaus gelungen, wenn es auch auf den ersten, oberflächlichen Blick hin manche Erwartung an einen Open-Air-Theaterabend vielleicht nicht erfüllt.

Die Textverständlichkeit war am Premierenabend trotz Mikroports nicht immer optimal, die sperrigen Reime („Hast wollen dich tränken an der Welt / Da ist der Kelch dir weggestellt“) fließen nicht gerade leicht ins Ohr.

Doch schon das Anfangsbild, wenn das Ensemble aus allen Ecken, auch aus dem Zuschauerraum, auf die Bühne strömt, sich in die offenen Särge legt und die Klappen schließt, zieht in den Bann. Teils wird chorisch gesprochen: „Wer bin ich denn? Der Jedermann.“ Und dann lösen sich aus der Gruppe, manchmal verstärkt durch Laienspieler des Extra-Ensembles, die Gestalten, die Jedermann begegnen. Drei Musiker begleiten mit Ferdinand von Seebachs sanft melancholischer Bühnenmusik das Geschehen.

Vor Dinipiri Collins Etebu als charismatischer Gott tänzeln in einer Polonaise die Beichtenden herbei, stehen Schlange, greinend haben sie gar keine Sprache mehr, ihr Anliegen vorzubringen. Hier gibt es nur noch universell-menschliches Wehklagen.

Und die Vertikalakrobaten Katarzyna Gorczyca und Patryk Durski beziehen gar die Domfassade mit ein. Am Ende schwingen sie sich an Seilen aus großer Höhe herab und stoßen die wie Kegel im Halbrund aufgestellten Figuren eine nach der anderen um.

Festspiele bis 5. August, Karten: 05382/73777, www.gandersheimer-domfestspiele.de

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