Slam-Show zur Ausstellung

Doppelwhopper bei Grimm: So witzig können Märchen sein

+
Dichter in der „Expedition Grimm“: Die Slammer (von links) Dalibor Markovic, Volker Strübing, Stefan Dörsing, Micha Ebeling, Temye Tesfu, Bas Böttcher und Felix Römer.

Kassel. Die Slam-Show zur Ausstellung „Expedition Grimm“ in der Kasseler documenta-Halle wird Ernst Wegener nicht vergessen. Erst gab der stellvertretende Abteilungsleiter des hessischen Kunstministeriums bei seiner Eröffnungsrede ein vielversprechendes Debüt als Lyriker und reimte Kassel auf Schlamassel.

Dann erhielt der ehemalige CDU-Oberbürgermeisterkandidat einen Vorschlag, wie man das Parkplatzproblem am Herkules lösen könnte.

Der Berliner Dichter Volker Strübing von der Lesebühne „Liebe statt Drogen“ erzählte im irren „Märchen von der globalisierungskritischen Hexe“ von den Vorläufern der heutigen Ministerialbeamten wie Wegener, den Herolden des Königs. Die wollen den Märchenwald für Parkplätze roden. Doch die Hexe verwandelt sie in Frösche, erschlägt und trocknet sie. Aus dem Pulver macht sie ein Wundermittel gegen Migräne, das sich wie geschnitten Brot verkauft. Als sie dann auch noch billige Parkplätze aus Polen für ihre Kunden importiert, sind bis auf die Herolde alle glücklich bis an ihr Lebensende.

Von den bisweilen ebenso bösen Grimm-Erzählungen und dem, was die sieben Literaten vor 80 Besuchern in der documenta-Halle aus dem Erbe machten, kann man also noch was lernen. Ausgedacht hat sich das Konzept für den kurzweiligen Abend der Berliner Bas Böttcher, einer der besten deutschen Slammer. Seine genialen Wortspiele wie das Medley der Märchen-Refrains („Ach wie gut, dass niemand weiß, dass Sido bürgerlich Paul Würdig heißt“) muss man am besten hören. Neben den Erzählungen ging es auch um die Grimms als Sprachwissenschaftler – etwa bei Böttchers Loblied auf zusammengesetzte Wörter, „Sprach-Doppelwhopper“ wie Däubler-Gmelin und Kramp-Karrenbauer.

Und das Spokenword-Kollektiv Allen Earnstyzz lieferte mit Beatboxing eine coole Hommage an die Omas dieser Welt, die Generationen von Kindern mit den Märchen vertraut gemacht haben: „Die Oma ist die beständige Brandung in einer Welt ständiger Wandlung.“

Der Wandel macht auch vor der „Expedition Grimm“ nicht Halt: Die Ausstellung ist nur noch bis zum 8. September zu sehen. Der Slam-Abend machte klar, dass man sie sich unbedingt noch anschauen sollte.

Von Matthias Lohr

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.