Josef Bierbichlers überzeugender Roman „Mittelreich“ erzählt 80 Jahre einer bayerischen Gastwirtsfamilie

Dorfpanorama verlorener Seelen

Langsam sickerte die Welt hinein, wo vorher Dunst und Erde war“, schreibt Joseph Bierbichler in seinem großartigen Romandebüt „Mittelreich“. Er zeichnet das Porträt eines bayerischen Gasthauses mit Landwirtschaft am See. Drei Generationen und achtzig Jahre deutsche Geschichte nimmt Bierbichler in den Blick. Der Schauspieler („Winterreise“) ist selbst in so einem Gasthaus großgeworden: Fischmeister am Starnberger See. Im Seewirtssohn Semi hat er wohl ein Alter Ego gestaltet.

Beim Seewirt und in den umliegenden Höfen geht es wenig fröhlich und verbal derb zu. Es wird in Fäkalien gewatet, geschlachtet und viel masturbiert, die Flachbrunzer und Bierdimpfel reden am Stammtisch gefährlich dummes Zeug, es wird spektakulär getötet und mancher scheidet auch freiwillig aus dem Leben.

Sommerfrischler kommen

Und seit der letzten Jahrhundertwende wandelt sich die Welt schnell. „Stadterer“ fahren neumodisch in die Sommerfrische, was den Horizont der Einheimischen – und deren Grundstückspreise – für immer verändert. Die Welt sickert ein. Nachrichten dringen vor, neue Maschinen ersetzen die Knechte auf dem Hof. Später kommen die Zwangsarbeiter, die Vertriebenen, noch später die Gastarbeiter. Und alle bringen ein anderes Leben mit und Gedanken, wie sie in Stube und Stall des Seewirthofs noch nicht gedacht worden sind. Wie mit einem Weitwinkelobjektiv blickt Bierbichler auf ein verzweigtes Figurentableau, stellt mal auf diesen Knecht, mal auf jenen Zuzügler den Focus scharf, und vervollständigt auf 391 Seiten Anekdoten und innerer Monolog ein Panorama verlorener Seelen und deutscher Geschichte - aus Gastwirtssicht.

Mühsamer Aufbruch

„Die Haut mag sich eng angefühlt haben, die demokratische, die die Menschen von einem Tag auf den anderen übergezogen bekamen“, schreibt er etwa zum mühsamen Aufbruch ins demokratische Deutschland nach Ende des Nazi-Regimes, „aber in ihr brodelte es noch wie eh und je“. Bierbichler bedient sich einer kraftvollen bajuwarischen Kunstsprache mit zarten poetischen Einsprengseln und begleitet erst den Seewirt Pankraz, der sich als Künstler fühlt, aber widerwillig den Hof übernehmen muss, als sein älterer Bruder im ersten Weltkrieg nach einem Kopfschuss ganz wunderlich wird.

Bierbichler schaut besonders genau hin, wenn es um das schwierige Ablegen von lieb gewordenen Ideologien und die Verarbeitung von Kriegstraumata geht. Aber er erzählt auch im dramatischen Höhepunkt, wie der Sturm das Seewirtshaus abdeckte und Pankraz erst in jener Schicksalsnacht seinen Platz auf dem Hof so recht einnehmen kann. Und der Seewirtssohn Semi kann später in den 60er-Jahren von seinem Zorn nun gar nicht mehr hinunter. Im Klosterinternat vergeht sich ein Mönch an ihm und vergiftet sein Leben für immer mit todbringendem Rachedurst.

Josef Bierbichler: Mittelreich, Suhrkamp, 391 Seiten, 22,90 Euro, Wertung: !!!!!

Von Bettina Fraschke

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