Musik mit Bart: Das neue Album der Fleet Foxes erschöpft sich in artiger Nostalgie

Dornenhain der Sehnsucht

Fehlt nur noch die Axt: Die Fleet Foxes aus Seattle machen Musik für Vollbartträger mit Flanellhemden. Foto: Autumn de Wilde/nh

Es geht um Geld und Erfolg. Immer. Man kann einer Band daher keinen Strick daraus drehen, wenn sie Gratis-Songs zum Download „für“ ihre Fans ins Netz stellt, bevor das Album draußen ist. Obwohl klar sein dürfte, dass Vorab-Gratis-Songs genau das nicht sind: Geschenke für die Fans. Es sind Verkaufsargumente, Lockstoffe, Zusatzargumente für einen Hype.

Der Hype? Ist gerade wieder dort, wo die Fleet Foxes sind. Das Sextett aus Seattle hat nur allerbeste Freunde. Man kann sich die Betten der Sixties-Wiedergänger randvoll mit fanatisch-verzückten Liebhabern vorstellen, die ihnen leidenschaftlich die Bärte kraulen. Die „Süddeutsche Zeitung“ nennt die jungen Männer mit den hübschen hellen Stimmen und den interessanten Instrumenten (zu hören sind: Flöten, Klangschalen aus Tibet, Kontrabass, Moog-Synthesizer, Bassklarinette, Lap-Steel-Gitarre, Pauke, Zither etc.) „Amerikas beste Band“.

Wären die Fleet Foxes weniger berühmt, wenn sie keine Bärte hätten? Vielleicht. Der richtig coole Folk-Hippie-Hipster trägt indessen nicht mehr nur Vollbart, sondern auch eine formschöne Designeraxt zum karierten Flanellhemd. Soll aber bislang eher so ein New-York-Ding sein.

Den Titelsong des zweiten Fleet-Foxes-Albums „Helplessness Blues“ gab es für lau. Und wenn man drauf steht: auf butterblümchenzarte Hippie-Choräle aus Mönchsknabenkehlen, wenn man die schwebende Opulenz sommerlich kreiselnden Barocks gesundheitlich verträgt und Texte schätzt, in denen empfindsame Seelen quasi barfuß durch einen Dornenhain der Sehnsucht und von dort weiter Richtung Erlösung, Erkenntnis und allumfassender Liebe geschickt werden, dann hat man seine Wahl im Grunde schon getroffen.

Es ist kein Zufall, dass ältere Semester viel auf die wohlgestalten Songs der Fleet Foxes geben. Menschen, die schon mal frech behaupten, seit den Beatles und Bob Dylan sei im Grunde keine ordentliche Musik mehr gemacht worden, haben ja in aller Regel auch ein Faible für die Beach Boys, Byrds, Crosby, Stills and Nash und Simon & Garfunkel. Das sind auch tolle Bands, deren raffiniertes Können kein musikalischer Verstand leichtfertig in Zweifel ziehen könnte.

Jedoch: Was soll ausgerechnet so spannend daran sein, Musik zu machen, die tatsächlich klingt wie die Schnittmenge dieser vier Gruppen? Sogar noch ein wenig ausgreifender und ornamentaler als die der Originale. Woher diese alles erschöpfende Sehnsucht nach Woodstock?

Der Weg der Fleet Foxes zurück in diese Zeit ist allerartigste Nostalgie. Darin erschöpft sich der Sinn ihrer Songs. Das Album als warmes, nach Kornblumen duftendes Wohlfühlbad, dem eine Stimme entsteigt; sie flüstert: „Früher war irgendwie alles besser.“ War’s natürlich nicht.

Fleet Foxes: Helplessness Blues (Cooperative Music / Universal). Wertung: !!!::

Von Michael Saager

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