Der Filmregisseur soll in Bayreuth 2013 den „Ring des Nibelungen“ inszenieren - eine Analyse

Drachenkampf des Wim Wenders

Kann er Siegfrieds Drachen bezwingen? Wim Wenders soll Gerüchten zufolge den Bayreuther „Ring“ inszenieren. Fotos: dpa/ Montage: Köberich

Deutschland sucht den Super-Ring. 2013, im Richard-Wagner-Jubeljahr, übertreffen sich die Opernbühnen mit neuen Inszenierungen des Weltendramas um Götter und Helden. Zahlreiche Inszenierungen der Opern-Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ stehen zum 200. Geburtstag des Komponisten auf den Spielplänen. Und das zeigt schon, unter welchem Druck sich die Weihestätte der Wagner-Fans befindet. Bayreuth muss mit dem Super-Ring, dem Ring der Ringe, aufwarten, wollen die Festspiele ihre Führerschaft in der Wagner-Tradition - und Innovation! - behaupten.

Der Dirigent steht fest: Jungstar Kirill Petrenko. Die Festspiele bestätigten auch den Hinweis aus Gerüchteküche, man verhandele mit Wim Wenders als Regisseur des Rings. Sollte und kann der poetische Formalist des deutschen Films diese Aufgabe meistern, im „Ring“-Bild gesprochen zum Drachenkämpfer werden? Eine Analyse, basierend auf Wenders’ Schaffen nach Stichworten.

Innovation. Innovativ war Wenders sicher. Als junger Regisseur in den 70ern, als er in Filmen wie „Im Lauf der Zeit“ ein neues Filmerzählen entwarf. Assoziativ statt stringent, mit Sinn fürs Detail, fürs überraschend Beiläufige. Das war spannend und aufwühlend. Heute ist Wenders 65 und selbst ein Klassiker. Innovativ im Sinn von verjüngend, neu, revolutionär ist er längst nicht mehr.

Raum. Wenders’ Filmbilder sind zumeist Halbtotalen und Totalen. Figuren - verloren im riesigen Raum oder auf der Suche nach ihrem Platz im Raum - sind immer wieder sein Thema. Etwa in „Paris, Texas“, wo Hauptfigur Travis wie irre durch die Wüste rennt, oder in „Der Himmel über Berlin“, wo Engel Damiel die Gleichförmigkeit des Ewigen auf der Großstadtbühne satthat und Sinnlichkeit und Erdenschwere sucht. Opernregie muss mit Figuren im (Bühnen-)Raum präzise arbeiten. Dafür hat Wenders Gespür.

Mythen. In „Der Himmel über Berlin“ lässt Wenders in der Staatsbibliothek als Kathedrale des Menschheitswissens den abendländischen Erzähler schlechthin auftreten: Homer.

Moderne Mythen be- und verarbeitet Wenders immer wieder - etwa in „Don’t come knocking“ im Western- oder in „Der amerikanische Freund“ im Thriller-Stil. Wenders hat früh erkannt, dass unser Unterbewusstsein „amerikanisch kolonialisiert“ ist. Unser Griechenland heißt USA. Der „Ring“ ist das Mythenstück schlechthin, Siegfried, Drachenkampf, der Untergang der Götterwelt: Wie ein Experte moderner Mythen sich des spätromantischen Stoffs annimmt, kann spannend werden.

Psychologie. Richard Wagner hat es im „Ring“ geschafft, die pompöse Helden-Saga mit menschlichsten Regungen zu verbinden - ein Beispiel ist der psychologisch nuancierte Ehestreit der Götter Wotan und Fricka in „Walküre“. Wer den „Ring“ inszeniert, muss Gespür für diese Balance haben, ohne Selbsterfahrungs-Blabla. „Paris, Texas“ ist nur ein Beleg, dass Wenders dies gelingen kann. Wie er ohne lange Dialoge, sondern vor allem mit Kameraeinstellungen und in bewegenden Bildern von der Annäherung der getrennten Eheleute in einer Peepshow und von Hoffnung für die zerrüttete Familie erzählt, hat Filmgeschichte geschrieben.

Musik. Opernerfahrung hat Wenders nicht. Die Erfahrung lehrt: Ein Filmgenie wie Lars von Trier hatte sich den letzten Bayreuther „Ring“ 2006 nicht zugetraut. Das darauf folgende Ersatz-Engagement von Dramatiker Tankred Dorst hat gezeigt, dass Opern-Laien ein Risiko sind.

Bilder. Bis an die Grenze des Manirierten gestaltet Wim Wenders seine Filmbilder: Farben wie lackiert, Licht wie von Meister Edward Hopper gemalt, jede Dunkelblau-Abtönung ist ausgemessen. Zu besichtigen etwa in „The Million Dollar Hotel“ oder „Bis ans Ende der Welt“. Opernmacher müssen solche Bild-Maniker sein.

Fazit: Durchwachsen. Wenders kann die Anforderung mit seinem speziellen Stil souverän meistern. Ein umstürzlerisches Opernereignis ist aber eher nicht zu erwarten.

Von Bettina Fraschke

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