Isabelle Huppert im Berlinale-Wettbewerbsfilm „L’Avenir“

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Freude an der Debatte: Nathalie (Isabelle Huppert) mit ihrem ehemaligen Schüler Fabien (Roman Kolinka).

Debattieren, lesen, denken: Nathalie lebt in einem vollständig intellektuellen Kontext. Die Buchautorin und Philosophielehrerin vermittelt ihren Schülern mit Leidenschaft die Lust, Argumente zu schärfen. Ihr Mann Heinz (André Marcon) ist als Kollege ein geschätzter Diskussionspartner.

Die Endfünfzigerin bewegt sich mental zwischen Arthur Schopenhauer und Jean-Jacques Rousseau. Sie reflektiert ihre schwindende politische Radikalität und betrachtet – teils bewundernd, teils resigniert – die aufflammende Protestkultur der jungen Generation. Durch die sie sich wieder etwas älter fühlt.

Isabelle Huppert gestaltet ein beeindruckend vielschichtiges Frauenporträt in Mia Hansen-Løves Drama „L’Avenir“ (Die Zukunft). Bei der Filmvorstellung im Wettbewerb der Berlinale merkte der französische Schauspielstar (62) am Rande an, dass in Filmen im Allgemeinen selten intellektuelle Frauen vorkommen, und freute sich, hier ein Gegengewicht zu setzen.

Mit großem Detailreichtum erzählt die 34-jährige Regisseurin – deren Eltern selbst beide Philosophen sind, wie sie anmerkte – vom Abschied aller Routinen. Nathalie erfährt, dass ihr Mann eine andere Partnerin hat. Ihr Verlag kündigt ihr die Zusammenarbeit, man wolle lieber modernere, leichter erfassbare Werke ins Sortiment nehmen. Und die alte Mutter, die Nathalie Tag und Nacht in Anspruch nimmt, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen, muss ins Altenheim.

Nathalie wird also in allen Lebensbereichen aus der Bahn geworfen. Aber sie meistert dies. Der Film folgt keiner 08/15-Dramaturgie, die zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt pendeln müsste. Nein, es gibt nicht den großen Umschwung am Ende, Nathalie erringt keinen neuen Mann, kommt auch nicht mit dem alten wieder zusammen oder dergleichen. Sie wird einfach ein wenig abgeklärter, und wir erleben mit, wie sie aus ihrem Inneren heraus immer wieder um emotionale Stabilität ringt. Mal gönnt sie sich allerdings auch ein leises Weinen, unbeobachtet, auf einer Linienbusfahrt. Sie besucht ihren Ex-Schüler Fabien (Roman Kolinka) in seiner Kommune in den Bergen, und sie lernt, die Katze, die sie von der Mutter übernommen hat, als Gefährtin in einsamen Stunden zu schätzen.

Hansen-Løves erzählerische Weisheit und ihre Konsequenz, das Älterwerden derart unaufgeregt und ohne emotionale Ausschläge zu zeichnen, sind unbedingt sehenswert. Huppert füllt die Figur der Nathalie mit großem Nuancenreichtum. Dabei kann sie Nathalies Ausstrahlung zwischen sinnlich und spröde ganz fein regulieren.

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