Ein Drama, wie es im Buche steht: Eugen Onegin im Staatstheater

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Freundschaftsbruch: Eugen Onegin (Marian Pop, links) und Lenski (Bassem Alkhouri).

Kassel. Regisseurin Lisa Marie Küssner inszeniert, Ruben Gazarian dirigiert am Kasseler Staatstheater Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“.

Sie leben unser Leben, es sind Menschen wie wir, die Leute in der russischen Provinz – und deshalb kommt Tatjana (Jaclyn Bermudez) auch aus dem Zuschauerraum des Kasseler Opernhauses auf die Bühne. Dort hat Bühnenbildnerin Justyna Jaszczuk ein riesiges Plateau aus Büchern als Spielfläche eingerichtet. Bücher sind Tatjanas Welt, ein Sehnsuchtsort, wo große Gefühle ausgelebt werden, die das wahre Leben nicht bietet.

Bis Eugen Onegin (Marian Pop) die Szene betritt. Ist es wirklich die große Liebe, die Tatjana plötzlich für den Titelhelden in Peter Tschaikowkys Oper empfindet – oder ist Onegin lediglich die Projektionsfläche ihrer Sehnsüchte?

Regisseurin Lisa Marie Küssner scheint dies anzudeuten, denn ihre Figuren sind vor allem Typen: Tatjana als Typ schwärmerisches Mädchen, das Herzchen und Liebessymbole an die (im Lauf des Stücks immer höher wachsende) Papierwand malt. Ihre Schwester Olga (Ulrike Schneider) ist der Typ lebenslustiges Partygirl im gelben Kleidchen mit Kopfhörern als Accessoire (Kostüme: Sabine Böing), ihr Verlobter Lenski ist der verletzliche, aufbrausende Typ.

Und Onegin? Er ist ein cooler Typ, der Frauen ohne eigene emotionale Beteiligung den Kopf verdreht. Eine geheimnisvoll androgyne Figur (Tabea Götting) als Kammerdiener und ständiger Begleiter macht ihn irgendwie unheimlich. Auch das arbeitende Volk (hier schleppt es Bücher) und die neckenden Mädchen – toll gesungen von Opernchor und Extrachor - bleiben klischeehaft.

Individuelle Tiefe gewinnen die Figuren erst in den großen Szenen, die Tschaikowsky ihnen widmet: Eindrucksvoll die große Klarheit und Reinheit, die Jaclyn Bermudez der Tatjana mit ihrem feinen Timbre verleiht, wenn sie sich in der Briefszene Onegin offenbart. Und noch einmal im Schlussakt, wenn sie dem drängenden Werben des ihr nun verfallenen Onegin widersteht.

Die Regisseurin lässt die ehemalige Romanleserin hier zur Autorin werden, die den Text ihres Lebens selbst schreibt – und ihre Bücher signiert. Vielleicht auch eine kleine Verbeugung vor Alexander Puschkin, dem Autor des zugrundeliegenden Versepos’ „Eugen Onegin“, in dessen klassischem Russisch in Kassel gesungen wird.

Bassem Alkhouri lässt in der Arie des Lenski vor dessen tödlichem Duell mit Onegin mit herrlich farbigem Tenor ein scheiterndes Leben Revue passieren. Und Marian Pop gelingt es in der Titelrolle des Onegin, dessen Wandlung vom kühlen Verführer zum verzweifelt Liebenden mit ausdrucksstarkem und zunehmend emotional aufgeladenem Bariton glaubhaft zu machen.

Kein alternder Aristokrat, sondern ein jugendlich-kraftvoller Hüne mit Powerstimme ist Friedemann Röhlig als Tatjanas Ehemann Fürst Gremin im Schlussakt. Weshalb Onegins Werben sie da noch einmal schwankend werden lässt, erschließt sich nur schwer.

Ulrike Schneider als Olga, Inna Kalinina als Gutsbesitzerin Larina und Lona CulmerSchellbach als Amme Filipjewna fügen sich stimmlich ebenso souverän ins Ensemble ein wie die Protagonisten einiger kleiner Rollen – besonders schön Ovidiu Weinschenk als Triquet mit seinem französischen Ständchen.

Vorsichtig und mit anfangs etwas kernlosem Orchesterklang steuert Ruben Gazarian die Premiere vom Dirigentenpult aus. Der Gastdirigent gehört zu den Kandidaten für die Nachfolge Patrik Ringborgs als Generalmusikdirektor und überzeugt besonders bei den schwungvollen und eleganten Tanzmusiken, dem Walzer im zweiten Akt und der berühmten Polonaise im Schlussakt.

Am Ende bekommen die Sänger den größten Applaus im ausverkauften Opernhaus, die Regie muss dagegen auch ein paar Buhs einstecken.

Wieder am 11., 16. und 26.7. Karten: Tel. 0561/1094-222

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