Neue Klavierplatten von Daniil Trifonov, Igor Levit und Lang Lang

Drei junge Klavierstars werden derzeit am häufigsten genannt, wenn es um die Frage geht, wer denn das Zeug dazu hat, ein ganz Großer, ein Jahrhundertpianist zu werden. Der 23-jährige Russe Daniil Trifonov, der 2011 den Tschaikowsky-Wettbewerb gewann, wird derzeit am überschwänglichsten gelobt.

„Ein Pianist für den Rest unseres Lebens“, schwärmte die Süddeutsche Zeitung. Ebenfalls aus Russland stammt Igor Levit. Der 26-Jährige lebt seit 1995 in Deutschland und gilt seit Jahren als heißester Geheimtipp unter Klavierexperten. Ganz anders als Lang Lang (31): Der chinesische Klaviervirtuose hat längst den Status eines globalen Popstars erreicht.

Alle drei haben jetzt Platten veröffentlicht, die ihre Ausnahmestellung unterstreichen. Mit einer Live-Aufnahme seines Konzerts in der New Yorker Carnegie-Hall vom vergangenen Februar gibt Daniil Trifonov sein Debüt als Exklusivkünstler der Deutschen Grammophon. Trifonov hatte die New Yorker mit einem Mammutprogramm hingerissen: Auf die Fantasie-Sonate von Alexander Skrjabin folgten Franz Liszts große h-Moll-Sonate und die 24 Préludes op. 28 von Frédéric Chopin.

Tatsächlich ist Trifonov ein Klavier-Phänomen, nicht nur wegen seiner überragenden Technik. Es ist sein Geheimnis, wie er, der keineswegs zu Extravaganzen neigt, jedes Stück so frisch klingen lassen kann, dass man glaubt, es eben erst zu entdecken. So etwa die Fuge in der Liszt-Sonate, die Trifonov rhythmisch so pointiert spielt, dass sie fast lustig klingt, ehe sie dann ins Dramatische umschlägt. Das fis-Moll-Prélude von Chopin klingt in seiner rauschartigen Virtuosität ungreifbar leicht und gleichzeitig doch drängend sehnsuchtsvoll. Große Kunst, die sich nicht restlos erklären lässt.

Igor Levit hat sich mit seinem Sony-Debüt-Album an die vier späten Beethoven-Sonaten von op. 101 bis op. 111 gewagt, und er bewältigt sie in dieser Studio-Aufnahme pianistisch auf bewundernswerte Weise. Er ist ein Klangzauberer, spielt bestechend klar und hat auch stets das große Ganze im Auge. Doch bei ihm klingt diese Musik, die keine Rücksicht auf Hörgewohnheiten nimmt, insgesamt zu nett. Motto: Der späte Beethoven ist gar nicht so schroff und kompromisslos, wie man sagt. Ist er aber doch.

Wieder eine Fuge, diesmal im Finale der Hammerklaviersonate op. 106. Diese Fuge ist eigentlich Schwerarbeit - kompositorisch wie für die Hörer. Levit spielt freundlich darüber hinweg. Und die berühmte Arietta, der zweite Satz der letzten Sonate op. 111, klingt irgendwie nett, gelegentlich etwas massiv, aber insgesamt fast langweilig. Pianistisch ist Levit dieser Musik gewachsen, gedanklich noch nicht.

Zwei Klavierkonzerte des 20. Jahrhunderts hat Lang Lang mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle eingespielt: Prokofjew 3 und Bartók 2. Technisch sind beide von höllischer Schwierigkeit, doch so souverän und geistreich, wie Lang Lang sie präsentiert, sind sie ein absoluter Hörgenuss.

Daniil Trifonov: The Carnegie Recital. Deutsche Grammophon, Wertung: Fünf von fünf Sternen 

Igor Levit: Beethoven - Die späten Klaviersonaten. Sony Classical. Wertung: Viereinhalb von fünf Sternen

Lang Lang, Simon Rattle, Berliner Philharmoniker: Prokofjew: 3. Klavierkonzert, Bartók: 2. Klavierkonzert. Wertung: Fünf von fünf Sternen

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