Drei neue Ausstellungen im Fridericianum

Blick in Helen Martens Ausstellung „ Parrot Problems“ im Fridericianum. Foto: Koch

Kassel. „Ich habe ganz neu sehen gelernt“, sagt Susanne Pfeffer über die am Wochenende eröffnete Ausstellung „Parrot Problems“ von Helen Marten. Die Leiterin des Fridericianums in Kassel hat die 1985 in Macclesfield geborene und in London lebende Künstlerin eingeladen und ihr die erste Einzelausstellung in Deutschland ermöglicht.

Es ist eine üppige, 28 Arbeiten umfassende Schau, auf die man sich geduldig einlassen muss. „Parrot Problems“ heißt Papageien-Probleme. Papageien plappern nach. Ein Phänomen, das Marten in Objekten und Bildern thematisiert: Wie verschieben sich bei der Nachahmung und Wiederholung Bedeutungen, was ändert sich, wenn man Alltagsdinge, Begriffe, Symbole, Gesten in einen anderen Kontext stellt? Welche Differenzen ergeben sich?

Von dieser Kluft zwischen Materialität, Formen und Bedeutung handeln Martens Exponate, die sie selbst entworfen, hergestellt oder gebaut hat. Sie seien eine Reflexion über die Welt, die uns umgibt, so beschreibt es Kuratorin Pfeffer: „Sie nimmt die Dinge auseinander und setzt sie neu zusammen.“

Manche Elemente ihrer Installationen sind öfter zu entdecken: Wannen, wahlweise als Wiege oder Sarg deutbar, Müllcontainer, Gebäude-Modelle. Vogelhäuser aus Ton, Eier, Schlangen, Katzen, die auf ihrem Schwanz stehen. Weitere Gebilde aus Ton, so aufgeschichtet, dass sie Unterkörper zu bilden scheinen.

Manches erinnert an Comic-Ästhetik, vieles ist winzig, fragil, dann wieder steht man vor einem riesigen Mobile oder einem meterlangen Drahtgeflecht, das ein weißes Oberhemd mit Kragen bildet. Drunter steht ein Aktenkoffer. Männer in „White collar“-Berufen, so eine mögliche Deutung, dominieren unsere Welt.

Aber vielleicht ist alles ganz anders gemeint. Es gehe bei den Collagen, den Abstrahierungen, Bedeutungsverrückungen darum, die „eingefrorene Seherfahrung“ aufzubrechen, gängige Vorstellungen gerade infrage zu stellen, erklärt Pfeffer, die bekannte Ordnung neu zu formieren. So, wie Marten die Proportionen verrückt. Nichts ist auf den ersten Blick stimmig. Die Künstlerin gehe erzählerisch, spielerisch, mit viel Humor vor, findet Pfeffer, die den zentralen Raum im Obergeschoss erstmals zum Durchgang hat umbauen lassen. Die Rotunde hat sie gar nicht bespielt.

Das Erdgeschoss des Fridericianums hat sich in zwei wunderbare Kinosäle inklusive Teppichboden verwandelt. Dort laufen jeweils zweistündige Filme: „Das Netz - Unabomber, LSD und Internet“ (2003) von Lutz Dammbeck sowie „Stemple Pass“ (2012) von James Benning. Dammbeck fragt anhand von Zeitzeugeninterviews nach den Fundamenten der Technologie unserer Gesellschaft, darunter nach dem Ursprung des Internets im Militär. Er beschäftigt sich auch mit dem „Unabomber“ Theodore Kaczynski. Der Mathematiker zog sich aus der Gesellschaft zurück, wurde zum Attentäter. Benning hat Kaczynskis Waldhütte nachgebaut, er stellt Naturaufnahmen dessen Texte gegenüber.

Das Beste aber kommt zum Schluss. So ist es auch im Fridericianum, sobald man ganz nach oben in den Turm steigt. Farhad Fozouni, 1978 in Teheran geboren, beschäftigt sich in seiner von Nina Tabassomi kuratierten ersten Einzelausstellung in Deutschland, „After-shock Poetry“ betitelt, mit Lauten, Zeichen und Buchstaben. Auch auf die Traditionen der Miniaturmalerei seines Heimatlandes bezieht er sich. In der vierten Etage überführt er Poesie und Kalligrafie vollends ins Dreidimensionale.

Man betritt sozusagen ein Gedicht, dessen Zeilen - auf Englisch und Persisch - in Holz und Schaumstoff geformt von der Decke hängen: Nach einem Beben geraten die Dinge in Bewegung, nichts bleibt an seinem Platz.

Fozouni befasst sich mit Funktion und Ästhetik von Sprache. Er drückt ihre Zeichen, in Ornamente eingefasst, auf Holzplatten, eine eigentümliche „Schreibmaschine“ darf der Besucher bedienen, um mit dem Wort „Erinnerung“ einen Vers zu vervollständigen. In einem Raum entspricht das Klicken von Diaprojektoren dem dargestellten Gedicht, in dem das Blinzeln von Augenlidern beschrieben wird.

Alle drei neuen Präsentationen forderten viel vom Publikum, weiß Pfeffer, die Chefin im Fridericianum. Die meisten Besucher aber kämen immer mindestens zwei- oder dreimal. „Und man kann jeden Tag etwas anderes entdecken.“

Service 

Alle drei Ausstellungen im Fridericianum laufen bis 2. November, Di-So 11-18 Uhr, Do 11-20 Uhr. Eintritt 5 (3) Euro, mittwochs Eintritt frei. Für Kinder bis 12 Jahre ist der Eintritt frei. Informationen unter

Tel. 0561/7072720,

www.fridericianum.org

Angeboten werden verschiedene Führungen:

• Di 13 Uhr „Fokus“ konzentriert auf einzelne Werke

• Mi 15.30 Uhr „Fridrich“, Kunstgespräch für Senioren, 17 Uhr Führung durch alle Ausstellungen

• Do 18.30 Uhr „Fri“ von und für Studierende

• Fr 11.30 Uhr „Fritzchen“, Führung für Eltern mit Babys

• Sa 15 Uhr Führung Helen Marten, jeden ersten Samstag im Monat 11 Uhr „Fritzi“, Werkstatt für Kinder

• So 11.30 Uhr Familienführung „Frids“, 15 Uhr Führung Farhad Fozouni

Von Mark-Christian von Busse

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