Video: „Drei Schwestern“ - Tolle Ensembleleistung am Kasseler Staatstheater

Kassel. Knappe Ledershorts, sexy Kniestrümpfe, Schmollmund. Wenn Eva Maria Sommersberg ans Mikro tritt, verstummt der Smalltalk der 13 Figuren auf der Bühne und der Zuschauer im Saal.

Das Leben ist zu viel, Life’s just too much, singt sie verträumt. Und dann geht das Licht im Zuschauerraum aus. Alle Darsteller sitzen auf der schmalen Fläche der mit verschraubten Platten begrenzten Vorderbühne. Schwatzen, blödeln, dösen. Die Stimmung ist wie bei einer Party, wenn es so spät ist, dass es auf einen Wodka mehr auch nicht mehr ankommt. Wenn man so müde ist, dass man schon wieder eine große Klarheit im Kopf wahrnimmt. Bevor der Kater zuschlägt.

Sebastian Schug inszeniert am Kasseler Staatstheater Anton Tschechows „Drei Schwestern“, das am Samstagabend im Schauspielhaus mit kräftigem Applaus gefeiert wurde.

In der russischen Provinz warten nicht nur Olga (Agnes Mann), Mascha (Alina Rank) und Irina (Eva Maria Sommersberg) auf ein besseres Leben in Moskau. Jede der Figuren - der Lehrer, der Baron, die Offiziere - träumt von einem anderen Leben, von der anderen Frau, einer erfüllenden Tätigkeit: Aljoscha Langel, Sebastian Klein, Jürgen Wink, Dieter Bach, Uwe Steinbruch, Bernd Hölscher, Thomas Sprekelsen und Eva-Maria Keller.

In Schugs überzeugendem Regiezugriff erwächst die verzweifelte Stimmung nicht aus der Alltagsroutine eines beschaulichen Landsitzes, sondern aus dem fiebrigen Ausgepowertsein einer (übergroßen?) Lebenserwartung. Die unaufhaltsam ansteckt wie ein Virus.

Das Leben ist hier ein trashiger Wartesaal, wo man auf Kunstlederpolstern kauert und Tee aus Thermoskannen in Plastikbecher gießt (Bühne: Christian Kiehl), musikalisch live untermalt von Johannes Winde.

Das große Ensemble hält sich zumeist gleichzeitig auf der Bühne auf. Jeder gibt seiner Figur ein Profil, schärft auch die kleinste Rolle. Dazu benötigt das statische Philosophieren in den ersten Akten entsprechend viel Raum.

Bis es im dritten Akt zum totalen Stimmungsumschwung kommt - einer Übersprungshandlung, wie Schug zeigt. Es brennt, und in einer wahnwitzigen Kraftanstrengung wird gelöscht, Wasser aus Sprudelflaschen gespritzt, mit Teppichen gegen Wände und Boden geschlagen. Bis Blusen und Uniformjacken (Kostüme: Nicole Zielke) durchweicht sind, das Make-up verschmiert, die Erschöpfung so total ist, dass man ehrlich miteinander redet.

Agnes Manns Olga ist die vernünftige Schwester, deren Resignation in sanfter Zärtlichkeit nach außen dringt. Alina Rank gibt Mascha eine Härte und Unbedingtheit, die sich in großer Leidenschaft zu zwei Männern entlädt.

Das neue Ensemblemitglied Eva Maria Sommersberg ist die Entdeckung des Abends. Ihre Irina zieht die süßeste Schnute Kassels, ist mal freche Göre in herausfordernder Lolitapose, dann schüchternes Mädel mit ehrlich verzweifelter Ratlosigkeit.

Peter Elter als Bruder Andrej und seine prollig zurechtgemachte Frau Natalia (Anke Stedingk) sind im Schlafanzuglook die Außenseiter, für die es nur noch die Flucht in den Sex gibt.

Am Ende sitzen die Schwestern still an der Bühnenkante. „Man weiß es einfach nicht“, sagt Olga matt. Und die als Birken angepinselten Holzlatten, die die Darsteller kurz zuvor in den Boden geschraubt hatten, glänzen im Morgenlicht.

Wieder am 3., 14.12., Karten: 0561-1094-222.

Von Bettina Fraschke

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