„Parzival“: Julia Hansen brilliert in Szenen von Tankred Dorst

Die Drohung des Todes

Grenzüberschreitungen: Julia Hansen in der „Parzival“-Aufführung in der Kunsthalle Fridericianum. Foto: Socher

Kassel. Der Parzival-Stoff hat ihn nie losgelassen. Langjährige Kasseler Theaterbesucher mögen sich noch an seine glanzvolle „Merlin“-Inszenierung in den 80er-Jahren erinnern, die Grenzen sprengte. Dazu gab es ein Buch und weitere szenische Annäherungen. Auch mit der aktuellen Version der Gralssuche „Theater zwischen den Künsten: Parzival“, die am Donnerstag Premiere hatte, überschreitet Tankred Dorst (84), hochgeehrter Dramatiker und einer der ersten Grimm-Professoren der Kasseler Universität, der selbst zur Premiere gekommen war, vorgegebene Trennlinien.

In der Kooperation zwischen Kunsthochschule, Staatstheater und Kunsthalle Fridericianum (Regie: Nils-Arne Kassens), die den mittelalterlichen Helden in eine seltsam abstrakt wirkende Gegenwart holt, verschwimmen nicht nur die etablierten Kunstgattungen, sondern auch die Geschlechterrollen und sogar die Zeit.

Parzival ist eine Frau, aber gleichzeitig ein Kind, der reine Tor, ein Mythos. Den im Wald, fern der Kultur, mit seiner Mutter aufgewachsenen jungen Mann spielt die Göttinger Schauspielerin Julia Hansen mit heftiger Vitalität und einer eindrucksvollen, bis an die Grenzen gehenden sprachlichen Virtuosität. Sie macht zwischen den aufgetürmten Bildschirmen einer Videoinstallation von Joel Baumann, auf denen szenische Einspielungen den Text kontrapunktieren, und den herabhängenden Riesenleinwänden, auf die ihre jeweiligen Gesprächspartner in stummer geisterhafter Gegenwärtigkeit, gleichsam die Ausdehnung ihrer Wahrnehmung, projiziert werden, allein durch hochdifferenzierte Sprache die Dialoge mit den Personen hörbar und begreifbar, die Parzival auf der Suche nach Wahrheit und Lebenssinn begegnen, wie Gawein, Sir Ither oder der Zauberer Merlin, der die Zeit zurücklaufen lässt bis zu Parzivals Geburt.

Geburt, Menschwerdung und Tod fallen zusammen. Der unbändige junge Ritter in Anorak und roten Schwimmflügeln hinterlässt auf seiner Suche Tod und Zerstörung bei Mensch und Natur. Hier, in der leitmotivisch wiederholten Todesdrohung, vor der schon die Mutter ihn warnte, ist auch der Bezug zu der aktuellen Doppelausstellung von Teresa Margolles und Matt Stokes zu finden. Margolles’ „Frontera“ (Grenze) beschreibt die Überschreitung jeglicher Grenzen im mexikanischen Drogenkrieg und die davon ausgehende tödliche Bedrohung. Anhaltender Beifall für eine intensive schauspielerische Leistung.

Wieder heute und morgen, 12. Dezember, 20 Uhr, Fridericianum

Von Claudia v. Dehn

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