Er drückt auf die Tube: Lauf-Kabarettist Dieter Baumann in Joe's Garage

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Sein schelmisches Lachen hat er nicht verloren: Olympiasieger Dieter Baumann (49) in Joe’s Garage.

Kassel. Am Ende scheint es, als sei seit Jesse Owens kein Läufer mehr so tief gefallen wie Dieter Baumann. Owens, der vierfache Olympiasieger von 1936, musste irgendwann Wettrennen gegen Pferde bestreiten. Und Baumann, Deutschlands erfolgreichster Langstreckler, legt in Joe’s Garage eine Stripshow hin.

Er streift Jackett und Hose ab und wirft den Frauen Kusshändchen zu, als sei die Kneipe in der Friedrich-Ebert-Straße ein Nachtclub. Aber natürlich steht der 49-Jährige am Ende des Comedy-Abends nicht nackt auf der Bühne, sondern in Laufhose und Kompressionsstrümpfen. Baumann zeigt nur, wie bescheuert die Erfindungen der Industrie sind. „Ich bin Purist“ sagt er. Zum Laufen brauche man nichts außer den Schuhen seines Ausrüsters. Schon wieder eine gute Pointe.

Baumann hätte tatsächlich tief fallen können. Er war ein Vorkämpfer für den sauberen Sport, bis er 1999 positiv getestet wurde. Das anabole Steroid wurde ihm in die Zahnpastatube gespritzt. Selbst die größten Doping-Experten sehen es als erwiesen an, dass er Opfer eines Anschlags wurde.

Das ist Stoff für eine griechische Tragödie. Aber Baumann lacht heute darüber. Die 90 Besucher in Joe’s Garage dürfen ihm Fragen auf Kärtchen schreiben, die der Schwabe beantwortet. Läufer Armin Hast will wissen, warum ihn selbst Elmex nicht schneller gemacht habe, obwohl er 20 Jahre die Zähne damit geputzt habe. Auch da lacht Baumann. Später verschenkt er sogar eine Tube. Er kann der Zahnpasta nicht mehr davonlaufen.

„Dieter Baumann, die Götter und Olympia“ heißt sein Programm. Es geht um die Marotten der Läufer, Sportpolitik und Baumanns Karriere, nach deren Ende er Laufunternehmer geworden ist.

Seine Premiere als Kabarettist feierte Baumann 2007 im Kasseler Starclub. Heute ist er auf der Bühne ein Vollprofi. Er imitiert Kugelstoßer in Zeitlupe, kontert Zurufe schlagfertig und ist immer noch ein Rebell. Während der Abrechnung mit dem korrupten IOC und dessen Chef Thomas Bach pocht seine Wut-Ader auf der Stirn wie 1992 beim Sprint zum Olympiasieg in Barcelona.

Zwischendurch erzählt er, dass eine Goldmedaille von Jesse Owens für 1,5 Millionen Dollar versteigert wurde. Er zieht seine eigene aus der Tasche und fragt nach dem Mindestgebot, aber keiner ist bereit, mehr zu bieten als bei Owens. Baumann wäre ohnehin nicht käuflich.

Von Matthias Lohr

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