Dschungelcamp: Freibrief für ungehemmte Häme

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Jay Khan, Peer Kusmagk, Sarah Knappik und Frank Matthée - wer sind all diese Menschen? Zu Beginn der fünften Staffel der RTL-Ekel-Show „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ mangelt es an Orientierung. Es fällt schwer, die elf B- und C-Promis zu sortieren, von deren Existenz man bislang keinen Schimmer hatte.

Vielleicht liegt es daran, dass die Dschungelshow noch nicht Fahrt aufgenommen hat – bislang versuchte RTL als Höhepunkt zu verkaufen, dass Eva Jacob, die man als Teil der gleichnamigen Sisters kennt, dem GZSZ-Darsteller Peer in Hüfthöhe an einem verklemmten Reißverschluss herumnestelte. Doch gerade beim jüngeren Publikum war die Vorfreude auf Mutproben mit Dschungelgetier und Stress am Lagerfeuer gigantisch: 7,28 Millionen schalteten Freitagabend ein - das sind 28,2 Prozent Marktanteil; unter den 14- bis 49-Jährigen sogar 39,3 Prozent.

Sie erlebten eine Neuauflage, bei der alles wie immer war - vom Personal („Dr. Bob“) über die Dramaturgie bis zu den Prüfungen: Zum Auftakt mussten Ex-Bro’Sis-Sängerin Indira Weis (31) und Schauspieler Matthieu Carrière (60) Rhinozeros-Kakerlaken, Flusskrebse, Wasserspinnen, Stabheuschrecken und Schleim mit Mehlwürmern in den Mund nehmen - sie kehrten mit bravourösen zehn Sternen zurück und sicherten dem Camp so die Essensration. Die Moderatoren Dirk Bach und Sonja Zietlow stellen wieder hemmungslose Häme zur Schau.

Das Dschungelcamp - für Zietlow „irgendetwas zwischen Bundesjugendspiele, Pfahlsitzen und Woodstock“ - ist Freibrief für übelste Gehässigkeiten. Jacob-Sister Eva, 67, etwa wird von den beiden als „welkes Fleisch“ verunglimpft. Die anfangs noch ziemlich überkandidelten Teilnehmer lästern ohnehin bereits über ihre jeweilige „Assi-Art“ und beklagen den Diebstahl von Palmblättern. Eva Jacob hatte das mühsam gebastelte Palmdach von Indira als Fußabtreter vor ihrer Liege genutzt und rechtfertigte sich: „Die hab ich aus dem Wald geholt.“

Pech: Die Kameras zeigten, wie die schrille Stoffpudel-Betreuerin sich an Weis´ Schlafplatz vergriff. Wir wissen nun auch, dass Ex-Schwimmer Thomas Rupprath Toilettenfeuchttücher als Luxusartikel mitgenommen hat und Wedding-Planner „Froonck“ Matthée, der sich rührend über seine Teamchef-Rolle freute, überzeugt ist: „Ich würd´ nicht sagen, dass ich tussige Züge habe.“ Naja. Zietlow und Bach lassen keinen Zweifel daran, dass es den Teilnehmern um die Kohle geht und nichts sonst - von 50 000 Euro Honorar ist die Rede. Was zum Beispiel „Froonck“ betrifft: „Hat er kein Geld auf der Boonk?“ Die Vorstellung, dass sich die Camp-Insassen einen Karriereschub oder ein positiveres Image erhoffen könnten, wäre nach vier vorangegangenen Staffeln auch absurd.

Es wäre eine abwegige Illusion, dass die RTL-Inszenierung so etwas wie Authentizität vermitteln könnte. Gerade diesmal ist schön zu beobachten, auf welch perfide Weise die Regie mit der Szenen-Auswahl und geschickten Schnitten Abziehbilder kreiert. Offenkundig soll Model Sarah als blonde Camp-Zicke und somit Giulia-Siegel-Nachfolgerin aufgebaut werden. „Warum vertraut ihr mir nicht?“, jammerte sie beim Kochen am Feuer, „ich kenne mich damit aus“ – allein, sie biss bei den anderen auf Granit. Samstagabend schnitt RTL ihre zehn „spektakulärsten Lebensweisheiten“ aneinander („jeder einzelne kann was verändern in der Welt“), auf Platz eins: „Geld ist nicht alles.“

Das Prinzip funktioniert großartig, prompt schickten die Zuschauer die 24-Jährige in die Dschungelprüfung. Die hatte Ex-Kommunarde Rainer Langhans mit solch stoischem, fast meditativem Gleichmut absolviert, dass es die Moderatoren fast verzweifeln ließ. Ungerührt ließ sich der 70-Jährige, der von RTL zum spinnerten Einzelgänger aufgebaut wird, im gläsernen Sarg von 30 000 Kakerlaken bekrabbeln. Angst scheint Langhans nur vor Tierquälerei zu haben. Kakerlaken haben kein Empfinden, sie spüren weder Angst noch Ekel, wurde er getröstet.

Man ist versucht zu ergänzen: Die RTL-Dschungelcamp-Verantwortlichen auch nicht. Langhans jedenfalls gab geduldig 68er-Nachhilfe und erläuterte, es sei der Kommune 1 nicht um Sex & Drugs & Rock´n´Roll gegangen, sondern um Ekstase durch Erleuchtung („Wir waren Gott“). Er erträgt den „Kinderkram“ bislang ungerührt wie ein buddhistischer Mönch. Wenn das so bliebe, wäre es für RTL ein Alptraum. Aber wie hat es Jay so schön formuliert: „Was passieren wird, wird sich ergeben.“

Fortsetzung täglich, RTL, 22.15 Uhr

Von Mark-Christian von Busse

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