Duell zweier Psychoanalytiker: David Cronenbergs Freud-Film

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In Debatten verstrickt: Viggo Mortensen als Sigmund Freud (links) und Michael Fassbender als Carl Gustav Jung.

Es muss noch etwas anderes geben, das die Welt in ihrem Inneren antreibt“ sagt C.G.Jung (Michael Fassbender) nach dem ersten Gespräch mit Sigmund Freud (Viggo Mortensen).

Dreizehn Stunden lang haben die beiden in Wien ununterbrochen über Freuds Theorie der Psychoanalyse debattiert, die die Libido als treibende Kraft des Menschen in den Vordergrund stellt.

Aber so sehr Jung auch von der anregenden Diskussion mit seinem Lehrmeister begeistert ist, der Zweifel am Alleingültigkeitsanspruch der Freud’schen Theorie ist schon nach dieser ersten Begegnung gesät - auch wenn es noch Jahre dauern wird, bis sich die beiden wichtigsten Seelenforscher des frühen 20. Jahrhunderts endgültig überwerfen.

Der kanadische Regisseur David Cronenberg („History of Violence“) begibt sich mit „Eine dunkle Begierde“ in die Gründerzeit der Psychoanalyse und erweitert das Lehrer-Schüler-Verhältnis zwischen Freud und Jung um eine weitere Person zu einem explosiven Beziehungsdreieck: Sabina Spielrein (Keira Knightley) tobt in der Kutsche und muss, als sie im Klinikum „Burghölzli“ eingeliefert wird, von den Pflegern an allen Vieren hineingetragen werden.

Als junger Arzt erprobt C.G.Jung gerade seine neu entwickelte „Sprechkur“, die sich auf Freuds Erkenntnisse stützt. Die russische Patientin scheint die ideale Probandin zu sein. Aus den väterlichen Misshandlungen in ihrer Kindheit hat sie ein masochistisches Verlangen entwickelt, das in geradezu selbstzerstörerischen Schuldgefühlen kompensiert wird.

Jung gelingt es, die junge Frau, die später als Ärztin ihre eigenen psychologischen Forschungsarbeiten vorlegen wird, in seiner Gesprächstherapie zu heilen - und er beginnt eine Affäre mit ihr, in der er selbst die dunkleren Seiten des sexuellen Verlangens erkundet.

Äußerst konzentriert seziert Cronenberg die Beziehungen seiner Figuren, die höchst eloquent über den Sexualtrieb sinnieren können und dennoch fest in den Verhaltensregeln des 19. Jahrhunderts gefangen sind. Was an diesem Film größte Freude bereitet, sind die Dialoge und die verbale Kraft, mit der sich Freud und Jung zunächst gegenseitig inspirieren, um sich später noch entschiedener zu beharken. Die Prägnanz der Worte findet in Cronenbergs klar komponierten Bildern und dem exakten Schnitt seine visuelle Entsprechung. Mit Viggo Mortensen als Freud und Michael Fassbender als Jung kann man zwei Schauspieler auf dem Höhepunkt ihres Könnens bewundern.

Genre: Drama

Altersfreigabe: ab 12

Wertung: vier von fünf Sternen

Von Martin Schwickert

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