Düster, kitschig, unscheinbar: Ausstellungen in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum

Schwebende Kugel: Die Künstlerin Nina Canell arbeitet unter anderem mit Elektromagnetismus.

Kassel. Die georgische Stadt Sochumi muss einmal ein prachtvoller Badeort gewesen sein. Damals, vor dem Bürgerkrieg. Heute sind viele Gebäude verlassen, zerstört. Eine trostlose Region, aus der der Künstler Andro Wekua vor siebzehn Jahren floh.

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Bis 5. Juni in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum, mittwochs bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. www.fridericianum-kassel.de

In seiner Werkserie „Pink Wave Hunter“, die jetzt in der Kasseler Kunsthalle Fridericianum zu sehen ist, setzt er seiner Heimatstadt ein persönliches Denkmal.

Wekuas Kunstwerke sind als Gesamtinstallation zu verstehen. Als Gedächtniscollage, die er aus seiner Erinnerung und aus Überliefertem zusammenstellt. Eindrucksvoll ist schon der erste Blick in den Ausstellungsraum: Die Wände sind rosa gestrichen, ein heller Teppichboden schafft eine heimelige, fast kitschige Atmosphäre.

Manche der Objekte wecken beim Betrachter sofort Assoziationen (Delfine oder die Leuchtreklame einer Bar), andere wiederum sind so persönlich, dass allein der Künstler ihre Bedeutung kennt. Beklemmend wirkt Wekuas Film „Never Sleep With A Strawberry In Your Mouth“ - ein verstörender Mix aus Erinnerungsfragmenten und Horror-Elementen.

Im Nebenraum präsentiert Andro Wekua in kühler Atmosphäre 15 Architekturmodelle. Es sind Bauwerke seiner Heimatstadt, die der Künstler aus dem Gedächtnis oder nach Fotos geschaffen hat. Mal bis ins Detail ausgearbeitet, mal grob und unfertig.

Doch genau darum geht es Wekua: Er will keine naturgetreue Abbildung schaffen, sondern persönliche Eindrücke wiedergeben. Gedächtnislücken inklusive. So ist der alte Bahnhof von Sochumi ein Gebäude ohne Fenster, und von einem Hochhaus gibt es nur eine Fassade. Bruchstücke einer geschändeten Stadt.

Gegensatz zu den optisch überladenen Objekten Wekuas sind die Kunstwerke Nina Canells, die zeitgleich im Fridericianum zu sehen sind. Die Arbeiten der Schwedin sind minimalistisch. In dem großen, weiß getünchten Raum wirken sie fast verloren. Das Unscheinbare sichtbar zu machen, ist das Anliegen der Künstlerin. So vernimmt der Ausstellungsbesucher schon beim Betreten des Raumes ein Brummen, das von einem Kofferradio ausgeht. Das Gerät dient als Empfänger, der die Energie, die durch das Fridericianum fließt, als Geräusche wiedergibt.

Interessant ist Canells Arbeit „Ode to Outer Ends“, bei der dank Magnetismus ausgerechnet die größte von fünf Kugeln mehrere Zentimeter über dem Untergrund schwebt. Die Türpassage zum Nebenraum nutzt die Künstlerin, um auf ein Musikstück von Gustav Holst zu verweisen. Darin setzte der Komponist ein bewusstes Fade-Out (Ausblenden) ein, indem er die Tür zu einem Raum langsam schloss und der Gesang eines Chores so nach und nach verhallte.

Bei Nina Canell schließen und öffnen sich gleich mehrere Türen in einem bestimmten Intervall. Geräusche werden lauter und verschwinden wieder. Ein Auf und Ab, ein stetiger Wechsel von Lärm und Stille.

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