Sängerin Helen Schneider gastierte mit „Verwandlungen“ im Schauspielhaus

Düstere Märchenwelt

Einblicke in Missbrauch und Tod: Helen Schneider präsentierte Grimms Märchen als dunkle Psychogramme im Schauspielhaus. Foto:  Zgoll

Kassel. Happy End? Von wegen. „Es ist gar kein Prinz. Es ist Daddy, Daddy - mein Vater! Betrunken beugt er sich nachts über mein Bett.“ Mit vor Angst aufgerissenen Augen und zittriger Stimme kommt diese furchtbare Erkenntnis. Dass es ausgerechnet eine Märchenfigur wie Dornröschen ist, die einen Missbrauch offenbart, gehörte zu den berührenden Momenten beim Auftritt von Helen Schneider am Donnerstag im von knapp 300 Besuchern gefüllten Schauspielhaus.

Die amerikanische Sängerin und Schauspielerin präsentierte „Transformers“, dunkle satirische Visionen der amerikanischen Lyrikerin Anne Sexton. Grimms Märchen wurden hier Projektionsfläche für die Albträume des eigenen Lebens.

Unter dem Titel „Verwandlungen“ erarbeitete Helen Schneider zusammen mit der Regisseurin und Schauspielerin Eva Hosemann eine Bühnenversion, die die Texte von Anne Sexton mit gefühlvollen Pop-Liedern aus den 60er- und 70er-Jahren kombinierte. Die Bühne: abgedunkelt bis auf den Spot für Helen Schneider. Im Dämmerlicht ihre beiden Musiker Jo Ambros und Mini Schulz. Im Hintergrund ein riesiges, rotes Gebilde, das an einen Kokon erinnerte.

Nach jedem Märchen verschwand Helen Schneider darin und kam mit einem weiteren Märchen zurück. Schneewittchen, Rotkäppchen, Rapunzel, der Froschkönig – man glaubte sich zunächst in einer normalen Märchenperformance. Die Texte entsprachen überwiegend dem Original, doch die Nuancierungen, Einflechtungen und Kommentare machten aus ihnen das dunkle Psychogramm eines gescheiterten Lebens.

Dornröschen vom Vater missbraucht, Rapunzel von einer Frau – „kleine Brust an Hühnerbrust“. Selbstmordfantasien und Todessehnsucht bei Schneewittchen – „der Venenschnitt so einfach wie das Öffnen eines Briefes“. Der Wolf aus Rotkäppchen „ein Transvestit“.

Helen Schneider steigerte sich in diese düstere Welt hinein. Sang mit berührend schöner Verzweiflung und lebte die Märchenfiguren mit großer Theatralik und Präsenz. Starker Applaus.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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