Premiere

Düstere Vision: Wajdi Mouawads Cyberthriller "Himmel" am Deutschen Theater Göttingen

Ratlos im Datendschungel: Blaise (Andrea Strube, links), Clément (Moritz Schulze) und Dolores (Marie Seiser) versuchen, digitale Signale zu entschlüsseln. Foto: Król

Göttingen. Spätestens seit bekannt wurde, was die Behörden im Fall des Weihnachtsmarkt-Attentäters Anis Amri alles versäumt haben, stehen nicht nur potenzielle Terroristen, sondern auch die Ermittler im Fokus der Aufmerksamkeit. Der aus dem Libanon stammende kanadische Autor Wajdi Mouawad (48) trägt mit seinem Thrillerstück „Himmel“ ebenfalls nicht dazu bei, das Vertrauen in die Terrorismus-Bekämpfer zu stärken. Am Samstag hatte das Stück am Deutschen Theater in Göttingen Premiere.

Schon der Name der Geheimdienst-Sonderkommission „Sokrates“ lässt Schlimmes ahnen: Immerhin wird dem Philosophen der Satz „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ zugeschrieben. Dann aber kommt der Gruppe, die an einem geheimen Ort das Internet nach Hinweisen auf einen bevorstehenden großen Anschlag durchscannt, auch noch der wichtigste Mann abhanden, der Kryptoanalytiker Valéry. Er hat sich das Leben genommen – zuvor aber seinen Ex-Schüler Clément als Nachfolger empfohlen.

Wajdi Mouawad

Regisseurin Brit Bartkowiak lässt die Geheimdienstler auf einer fast leeren Bühne agieren. Lediglich Drehstühle stehen herum. Immer wieder werden goldene Bilderrahmen herabgelassen, auf die digitale Botschaften aufgespielt werden (Bühne: Nikolaus Frinke, Kostüme Carolin Schogs). So hat der verstorbene Valéry (Florian Eppinger) vage Hinweise hinterlassen, wie sein Computerzugang zu entschlüsseln wäre. Und nicht nur das. Er gibt auch seltsame Hinweise, wie über Gedichttexte und die Neu-Interpretation eines Tintoretto-Gemäldes die Ziele der Terroristen ermittelt werden könnten – die „Tintoretto-Spur“.

Eine ominöse Zentrale setzt allerdings weiter darauf, eine Islamistengruppe aufzuspüren. Der opportunistische Vincent „Chef-Chef“ (Benjamin Kempf) lässt daher die Missionsleiterin Blaise (Andrea Strube) absetzen, sehr zum Missfallen von Clément (Moritz Schulze), der die Tintoretto-Spur verfolgt, aber auch von Ingenieur Charlie (Gerd Zink) und Übersetzerin Dolores (Maria Seiser), die jedoch ein besonderes Geheimnis hat. Wer setzt sich durch, welches ist die richtige Spur?

Wäre „Himmel“ nichts mehr als ein Cyberthriller, dann müsste man dem Stück einige Schwächen bescheinigen. Doch Autor Mouawad, der mit „Himmel“ seinen Vier-Stücke-Zyklus „Das Blut der Versprechen“ abschließt, geht es nicht in erster Linie um das „Wer war’s?“ – das wird hier auch nicht verraten. So viel allerdings kann gesagt werden: Es ist nicht der Konflikt mit einem pervertierten Islam, der ausgetragen wird. Vielmehr geht es um die Wut einer jungen Generation, die mit Abscheu auf eine Welt voller Kriege und Zerstörungen blickt, die ihr die vorangegangene Generation hinterlassen hat.

Ihre stärksten Momente hat Bartkowiaks Inszenierung, wenn sie die Hilflosigkeit der in einem unheimlichen Nirgendwo befindlichen Geheimdienstgruppe zeigt, deren Mitglieder sich nicht nur untereinander zerstreiten, sondern auch in ihren privaten Beziehungen scheitern. Etwa wenn Charlie verzweifelt versucht, über Monitor die Kommunikation mit seinem Sohn Victor (Moritz Kahl) aufrecht zu erhalten. Zu Recht gab es langen Beifall für das überzeugende Ensemble.

„Himmel“: Nächste Vorstellungen am 6. und 12. Oktober. Karten: Tel. 0551 / 4669-300.

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