Düsterer Auftakt: "Cabaret" bei den Gandersheimer Domfestspielen

Gehen oder bleiben? Der charismatische Amerikaner Clifford Bradshaw (Dirk Schäfer) mit seiner Geliebten Sally Bowles (Franziska Schuster).

Bad Gandersheim. „Willkommen, bienvenue, welcome“ – die ersten Takte des berühmten Musical-Songs zaubern ein Lächeln auf die Gesichter der Zuschauer. Viele summen mit, als der Conférencier in der fast ausverkauften Premiere von „Cabaret“ bei den Gandersheimer Domfestspielen auf die Bühne wirbelt.

„Lassen Sie Ihre Sorgen draußen, hier bei uns ist das Leben wunderschön.“ Doch seine Einladung klingt wie eine Drohung. Das verschmierte Make-up der Tänzer und Showgirls, ihr stierender Blick, der aggressive Sex-Appeal reichen aus, um das Gefühl zu vermitteln: Hier läuft irgendetwas gewaltig schief. Hier wird schicksalsergeben getanzt, Spaß im Cabaret sieht anders aus. Eine dunkle Vorahnung macht sich in der Magengegend breit: Diese Vorstellung wird kein leichtes Vergnügen.

Regisseur Craig Simmons hat sich für eine düstere Version des Kult-Musicals „Cabaret“ entschieden. Deutschlands Weg in den Abgrund hängt wie ein Damokles-Schwert über der Inszenierung – und das, obwohl das Stück auf der sonnigen Freilichtbühne statt in einem schummerigen Raum gezeigt wird.

Im Zug, der den Amerikaner Clifford Bradshaw nach Berlin bringt, sind die Gesichter der Passagiere so grau wie ihre Mäntel. Die Tänzerinnen in ihren knappen Glitzerbodys (überzeugend: Alice Hanimyan, Tabea Scholz, Julia Hiemer) wirken abgekämpft und ferngesteuert (Choreografie: Matthias Schwarz). Der Conférencier, gespielt vom unheimlich präsenten Jens Schnarre, ist eher Dämon als Moderator.

Das Stück kommt dank der stimmigen Ausstattung von Kati Kolb zeitloser daher als die Vorlage von Joe Masteroff, John Kander und Fred Ebb. Erst spät tauchen Hakenkreuze auf. Schließlich wirft Nazi-Anhänger Ernst Ludwig (Mario Gremlich) dem jüdischen Herrn Schulz (Hans-Jörg Frey) vor, kein Deutscher zu sein – und plötzlich stoppt die Musik: eine entsetzte Pause. Zu den eindringlichen Klängen von „Der Morgen gehört mir“ werden Banner mit Nazi-Parolen am Domportal hochgezogen, im Publikum macht sich Betroffenheit breit, die Geschichte taumelt auf den Abgrund zu.

Showgirl Sally Bowles (Franziska Schuster) will das alles nicht wahrhaben: Sie klammert sich verzweifelt an ihren Traum vom Bühnenleben. Schusters Gesang ist stark. Ihr Spiel ist allerdings weniger intensiv als das ihres Bühnenpartners Dirk Schäfer, dessen Clifford Bradshaw zunehmend vom Zeitgeist abgestoßen wird.

Dass der Abend trotz allem kein Trauerspiel wird, liegt an den hervorragenden Musikern (Leitung: Heiko Lippmann) sowie an der glänzend aufgelegten Petra Welteroth. Sie marschiert als Fräulein Schneider mit Berliner Schnauze, Kittelschürze und Pantoffeln in die Herzen der Zuschauer. Ihr herber Charme und die Liebesgeschichte mit Gemüsehändler Schulz bringen Witz und Wärme in das morbide Umfeld.

Auch die Prostituierte Fräulein Kost (Rebecca Simoneit-Barum) und ihr hoher Verschleiß an Matrosen („Das sind gute deutsche Jungens, ich tue nur meine vaterländische Pflicht!“) sorgen für viele Lacher. Vom Publikum gab es für den gelungenen Spagat zwischen Unterhaltung und Nachdenklichkeit stehende Ovationen.

Weitere Termine: 22. und 30. Juni, 3., 5., 9., 12. und 13. Juli. Karten unter 05382/737 77

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