Grimm-Professor Ehrhardt hielt seine Antrittsvorlesung

Düsteres zum Auftakt

Experte für die Grimms: Prof. Dr. Holger Ehrhardt. Foto: von Busse

Kassel. Es dürfte selten vorkommen, dass bei der Antrittsvorlesung in einer Universität Schüler das Wort ergreifen. So wie Montagabend, als im Gießhaus Prof. Dr. Holger Ehrhardt als Inhaber der bundesweit ersten Professur zu Leben und Wirken der Brüder Grimm willkommen geheißen wurde.

Zwei Schüler der Offenen Schule Waldau, wo Ehrhardt noch bis zum vorigen Halbjahr unterrichtet hatte, traten also ans Mikrofon und wünschten ihm, dass er seine Offenheit und seine unkonventionellen Lehrmethoden beibehalten möge. Ehrhardt sei gerecht, konsequent, aber auch für jeden Spaß zu haben.

Prof. Dr. Petra Freudenberger-Lötz, Dekanin des Fachbereichs Geistes- und Kulturwissenschaften, schilderte amüsant, wie sie hin- und hergerissen war, als sie erfuhr, dass ihr Sohn seinen beliebten Klassenlehrer verlieren, sie aber dadurch den Professoren-Kollegen Ehrhardt gewinnen würde.

Die Dekanin zeichnete nach, wie sehr der Grimm-Professor durch die Märchensammler geprägt ist (sein durch den Krieg gezeichneter Großvater lebte auf, wenn er dem Enkel Märchen erzählte), und sie zählte eine lange Liste von Sponsoren auf, die die von Prof. Dr. Rainer Ludewig initiierte Professur ermöglichten: Unternehmen, Stiftungen, Einzelpersonen, vom Autohaus bis zur Straßenbaufirma. Für Freudenberger-Lötz ein Beleg für die Verwurzelung der Grimms in Nordhessen.

Ehrhardt nahm es auf sich, die festliche, positiv gestimmte Atmosphäre vorübergehend zu trüben. Das Werk der Grimms und dessen Wirkung sei eigentlich „nicht erforscht“, sagt Ehrhardt selbstbewusst, ein großer Teil des Nachlasses überhaupt nicht erschlossen und aufgearbeitet.

Das gelte auch für ein düsteres Kapitel der deutschen Germanistik: Die Indienstnahme der Grimms für die rassisch-völkische Gedankenwelt des Nationalsozialismus. Es konnte einem der Atem stocken angesichts des „Schreckenskabinetts“ an Aufsätzen, mit dem Ehrhardt die tiefe Verstrickung mancher Germanisten in die Blut-und-Boden-Ideologie deutlich machte. Da wurde aus den Märchen der vermeintlich heldische Gehalt herausgelesen, der Kampfeswillen, Kraft und Zähigkeit befördere, da wurden die Grimms gewürdigt, zur „Erweckung des Rassegedankens“ beigetragen zu haben. Grimm-Forscher Wilhelm Schoof hätte, so Ehrhardt, mit Jacob Grimm auch noch gerechtfertigt, wenn Himmlers SS-Truppen die Innere Mongolei besetzt hätten.

Es war aber möglich, sich der Vereinnahmung zu entziehen, als Forscher auch im Dritten Reich widerständige Sätze einzuschmuggeln, wie Ehrhardt belegte. Dass man die Grimms ganz anders lesen konnte, zeigte auch sein Hinweis auf Carl Zuckmayer, der im Exil in den USA zu den Brüdern griff: aus Sprach-Heimweh.

Von Mark-Christian von Busse

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.