Es duftet neu: „Biedermann und die Brandstifter“ am Göttinger DT

Die ganze Bühne ist eine Parfümflasche: Bardo Böhlefeld (von links, Brandstifter Schmitz), Moritz Schulze (Dienstmädchen Anna, die hier ein Dalmatiner ist), Felicitas Madl (Babette) und Karl Miller (Biedermann). Foto: Serkis

Max Fischs "Biedermann und die Brandstifter" war lange eines der meistgespielten Bühnenstücke. Jungregisseurin Lucia Bihler peppt das Drama am Deutschen Theater Göttingen hübsch auf.

Göttingen. Wenn dies der Duft der Freiheit ist, möchte man lieber eine Handgranate zünden. Die Jung-Regisseurin Lucia Bihler lässt ihre Inszenierung von Max Frischs groteskem Drama „Biedermann und die Brandstifter“ am Deutschen Theater Göttingen rund um eine riesige Parfümflasche spielen. Irgendwann öffnen Gottlieb Biedermann und seine Frau Babette den Flakon, und in den ausverkauften Theatersaal strömt: „Freedom. The new fragrance of Godlove.“

Dieser Duft des Protagonisten Gottlieb wäre sicher kein Verkaufsschlager, aber Bihlers Interpretation von Frischs 1958 uraufgeführter Politparabel riecht dann doch sehr frisch. Es ist eine schräge und gelungene Neufassung eines Stoffes, der lange zu den meistgespielten auf deutschsprachigen Bühnen zählte. Die Geschichte des Unternehmers Biedermann, der zwei Brandstifter in sein Haus lässt, obwohl allen klar ist, dass sie wieder zündeln werden, schrieb der Schweizer Fritsch unter dem Eindruck der kommunistischen Machtübernahme in der Tschechoslowakei. Auch eine Gefahr von rechts wurde in das Werk hineingedeutet. Die Frage ist, was dieses „Lehrstück ohne Lehre“, wie Frisch es nannte, uns mehr als ein halbes Jahrhundert später noch sagen kann.

Die aus München stammende Bihler, die an der renommierten Berliner Ernst-Busch-Schule Regie studiert und sich auch als Choreografin ausbilden lässt, interessiert sich vor allem für die Kluft zwischen Arm und Reich. Auf ein silbernes Tuch hinter der Bühne projiziert sie Fragen aus Frischs Tagebuch wie „Was empfinden Sie als Eigentum?“

Eigentlicher Star des lang beklatschten Premierenabends ist die von Josa Marx entworfene Bühne. Schon während die Zuschauer in den Saal kommen, turnt der riesige Karl Miller als Parfümfabrikant Biedermann auf dem Flakon, aus dem später eine Handgranate wird, die alles zerstört.

Miller und Felicitas Madl als seine Frau tragen bunte Kostüme und Frisuren, als seien sie in den 80ern von Vivienne Westwood eingekleidet worden. Bei der britischen Designerin hat Bühnen- und Kostümbildner Marx einst hospitiert. Miller und Madl spielen ihre Rollen ebenso toll überzogen wie Bardo Böhlefeld und Frederik Schmid als Brandstifter, denen man das Böse schon an den langen Fingernägeln und schwarzen Kontaktlinsen ansieht. Moritz Schulze, der aus Biedermanns Dienstmädchen einen Dalmatiner macht, ist ein lustiger Sidekick.

Man kann Bihlers reduzierte Inszenierung mit spannender Musik von Jacob Suske auch als Allegorie auf den Individualismus lesen, der die Menschen nicht zu stärkeren Persönlichkeiten, sondern zu Narzissten gemacht hat. Besonders wenn sie reich sind wie Herr Biedermann, der aber auch nicht alles besitzen kann. „Wem gehört die Luft?“, fragt Frisch in seinem Tagebuch. Vor allem wenn sie nach Parfüm stinkt?

Deutsches Theater Göttingen. Nächste Vorstellungen am 28. April, 20. und 29. Mai. Karten: 0551/4969-11.

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