Chronist des Fin de Siècle: Vor 150 Jahren wurde der Autor Arthur Schnitzler geboren

Zum 150. Geburtstag von Arthut Schnitzler: Im dunklen Unbewussten

Verursacher von Literatur-Skandalen: Arthur Schnitzler wurde am 15. Mai 1862 geboren. Foto: dpa

Geburtstage, zumal die „runden“, waren Arthur Schnitzler ein Gräuel. Seinen Fünfzigsten verbrachte er in Venedig, den Sechzigsten in Nürnberg, die Jahre dazwischen entfloh er am 15. Mai an den Semmering.

Der 1862 geborene jüdische Autor, der sich mit vielen seiner Werke ins Zentrum „öffentlichen Ärgernisses“ katapultierte, scheute für seine Person die Öffentlichkeit - der er sich nicht ausgesetzt hätte, wäre er seinem „gelernten“ Beruf treu geblieben.

Schnitzlers Vater war Kehlkopfspezialist, auch der Sohn schlug zunächst eine Medizinerlaufbahn ein. Bis 1893, dem Todesjahr des Vaters, arbeitete er in der laryngologischen Poliklinik in Wien als dessen Assistent, Doch bereits in dieser Zeit betätigte er sich als Schriftsteller, veröffentlichte in diversen Zeitschriften Gedichte und Erzählungen.

1895 wurde seine „rührende Tragikomödie“ „Liebelei“ im Burgtheater uraufgeführt, die ihn einem breiten Publikum bekannt machte. Seine 1900 erschienene Novelle „Leutnant Gustl“, ein grandioser innerer Monolog, der sich den Angstneurosen, erotischen Obsessionen und antisemitischen Hasstiraden eines jungen Leutnants der k.u.k. Armee widmet, verstand man als Angriff gegen den Ehrenkodex des Militärs. Der „Nestbeschmutzer“ Schnitzler, selbst Oberarzt und Leutnant der Reserve im Offiziersrang, wurde von einem Ehrengericht des Offiziersstandes enthoben.

Schnitzlers Prophezeiung

Drei Jahre zuvor war eine Szenenfolge entstanden, die erst viel später zum größten Skandal seines Lebens und zu seinem berühmtesten Stück werden sollte: „Der Reigen“. Zehn Begegnungen, ein Ziel: Beischlaf. Der Zuschauer sieht nur das Vor- und das Nachspiel. Das Bäumchenwechseldichspiel beginnt mit einem Soldaten und einer Dirne, der alle sozialen Schichten umspannende Kreis schließt sich mit der Dirne und einem Grafen. Ein schonungslos grell beleuchteter Striptease des Liebeshandels im Fin de Siècle. Schnitzler, vom literarischen Wert des Stücks nicht ganz überzeugt, prophezeit in seinem Brief, es werde „nach ein paar Hundert Jahren ausgegraben, einen Theil unserer Cultur eigentümlich beleuchten...“

So lange sollte es nicht dauern. Das Stück löste nach seiner Uraufführung 1921 in Berlin einen Theaterskandal aus und führte zum so genannten „Reigen-Prozess“, nach dem Schnitzler ein Aufführungsverbot verhängte, das bis zum 1. Januar 1982 in Kraft war.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg entstanden seine Meisterdramen „Professor Bernardi“ und „Das weite Land“, beides aufregende wie aufschlussreiche Expeditionen in die geheimnisvollen Dunkelkammern des Unbewussten. Und seine Traumnovelle aus dem Jahr 1926 ist spätestens seit Stanley Kubriks letztem Film „Eyes Wide Shut“ unsterblich geworden. Wien hat dem 1931 gestorbenen Chronisten des Fin de Siécle ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof gewidmet - eine Straße hat ihm die Stadt nicht spendiert.

Von Verena Joos

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