Der armenische Pianist Tigran Hamasyan begeisterte im Kulturzentrum Schlachthof

Der durch sein Klavier spricht

Versunken: Tigran Hamasyan. Foto: Herzog

Kassel. „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“, sagt ein Sprichwort. So gesehen präsentierte sich am Donnerstag ein wahrer Goldjunge im Kulturzentrum Schlachthof. Bis der armenische Pianist Tigran Hamasyan seinen ersten Satz ins Mikro zögerte, verging eine halbe Stunde. Eine weitere halbe Stunde später folgte der zweite, und mit dem gab der junge, großartig aufspielende Musiker die wohl treffendste Selbstbeschreibung: „Ich weiß nicht, warum ich mit euch reden soll.“

So lieb und schüchtern wie er dabei lächelte, wusste wohl jeder im Saal, wie er das meinte: Warum reden? Ihr habt doch meine Musik. Und was für eine.

Nicht von ungefähr wird der einst als Wunderkind gehandelte 24-Jährige, der 2006 die renommierte Thelonious Monk Jazz Competition gewann, mit Großmeister Keith Jarrett verglichen. Ein Vergleich, der diskussionswürdig ist, aber Maßstäbe andeutet.

Mit klassischen Klängen eröffnet Hamasyan sein Konzert. Wunderbar sanft und gefühlvoll spielt er. An Erik Satie fühlt man sich erinnert. Verzögerte Melodiekürzel, sanfter, nachdenklicher Anschlag, tonale Wiederholungen in Dur und Moll. Ein Genuss. Nahtlos der Übergang in die Jazzgefilde. Standards und Eigenkompositionen bringt er jetzt zu Gehör. Aufwühlende Emotionen, energetisches Spiel dominieren. Spieltechnisch ist Hamas-yan unglaublich weit. Diszipliniert organisierter Rhythmus, Spannungsbögen, facettenreicher Anschlag – all das kreiert er mit völliger Hingabe. Er versinkt in sein Spiel, wird Teil, Element davon.

Zum Abschluss ein dezidiert kraftvoller Akkord, ein schüchternes Lächeln, ein Schluck aus der Wasserflasche, und schon verschwindet er wieder wortlos in armenischer Folkmusik. Hier lässt er die Romantik dominieren.

Fazit: Klassik, Folk und besonders der Jazz sind Hamasyans Silberlinge. So brillant und hingebungsvoll, wie er spielt, wird sich das sicher rasch vergolden. Lautstarker Applaus der 70 Besucher, eine Zugabe.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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