Der Buchmarkt ist unter Druck, Kleist wird gefeiert, die DDR ist noch präsent

Literatur-Rückblick 2011: Von E-Books und Unsterblichkeit

Charlotte Roche

Die Buchbranche ist verunsichert wie selten, 2011 wird der Umsatz voraussichtlich erstmals seit Jahren ein Minus verzeichnen. Werden sich E-Books endlich am Markt durchsetzen? In welchem Ausmaß? Das bleibt 2011 noch offen.

Buchhandlungen leben immer mehr vom „Nonbooks“-Geschäft, bieten Schokolade, Eierbecher, Badezusätze an und geben - auch in Kassel - Verkaufsflächen auf. Der einst so freche, ambitionierte Eichborn-Verlag meldet Insolvenz an und wird von Bastei Lübbe aus Köln übernommen.

ROCHE GEGEN SCHWARZER

Ausgesorgt hat Ex-Moderatorin Charlotte Roche („Feuchtgebiete“), die in „Schoßgebete“ offen über Oralsex und Depressionen schreibt und 600 000 Exemplare verkauft. Die 33-Jährige trifft einen Nerv. Sie beherrscht das Spiel mit der Autorenrolle und die Klaviatur des Mediengeschäfts glänzend. Dem Absatz dienlich ist die Attacke von Altfeministin Alice Schwarzer, die das Buch „verruchte Heimatschnulze“ nennt (und ihrerseits mit „Lebenslauf“ den viel gelobten ersten Teil ihrer Autobiografie vorstellt). Roche wehrt sich: „Ich habe keine Lust, Frau Schwarzer um Erlaubnis zu fragen, bevor ich im Bett richtig loslege.“ Als ihr Stiefvater Ulrich Busch in der „Süddeutschen“ eindrucksvoll darstellt, wie skrupellos Roche den Unfalltod der drei Brüder ausschlachtet, lehnt die Autorin jede Interviewanfrage ab.

KLEIST-JAHR

Im Jubiläumsjahr bekommt Heinrich von Kleist all die Aufmerksamkeit, die er zu Lebzeiten vergeblich ersehnt hatte. Seine Dramen werden gespielt, Biografien verfasst, es gibt tolle Ausstellungen und am 21. November, dem 200. Todestag, eine weltumspannende Lesung. Zerrissenheit, Ruhelosigkeit, Radikalität, Gewalt - Kleist erweist sich als Vorreiter der Moderne, dessen Werk noch heute attraktiv ist. Am Wannsee wird sein Grabmal renoviert. Ein Vers Max Rings, in der Nazizeit entfernt, wird wieder eingraviert: „Er lebte, sang und litt in trüber, schwerer Zeit. Er suchte hier den Tod und fand Unsterblichkeit.“

DDR-LITERATUR

Der Tod von Christa Wolf, der wichtigsten Vertreterin der DDR-Literatur, ist ein Einschnitt, die Trauer- und Gedenkfeiern werden zum Familientreffen der besonderen Art. Eine Epoche geht zu Ende. Günter Grass geißelt im selbstgerechten Ton „Niedertracht und Vernichtungswillen“ der Westmedien, die über Wolfs Stasi-Verstrickungen berichteten, „als wollte man eine öffentliche Hinrichtung zelebrieren“.

Wolf selbst hatte mal geklagt, dass sie nie habe aufatmen können: „Immer habe ich die ganze DDR auf dem Buckel.“ Die DDR ist auch in gefeierten Romanen der Gegenwart Thema, ob bei Buchpreisträger Eugen Ruge („In Zeiten des abnehmenden Lichts“), bei Angelika Klüssendorf („Das Mädchen“) oder Antje Rávic Strubel („Sturz der Tage in die Nacht“).

PREISWÜRDIG

„Ich habe keine Ahnung, wer der Lyriker ist“, gesteht Kritiker Marcel Reich-Ranicki, als der Schwede Tomas Tranströmer als „einer der größten Poeten unserer Zeit“ den Nobelpreis erhält. Bewegend: Der 80-Jährige hat nach einem Schlaganfall seine Sprachfähigkeit mühsam wieder gewinnen müssen. Ebenfalls ausgezeichnet: F. C. Delius mit dem Büchnerpreis, Maja Haderlap beim Wettlesen in Klagenfurt.

BESTSELLER

Der erfolgreichste Roman in den Belletristik-Charts von „Spiegel“ und „Focus“ ist der Krimi „Erlösung“ von Jussi Adler-Olsen (61). Zudem platziert sich der Däne mit „Schändung“. Die Sachbuch-Jahresbestseller: Heribert Schwans Hannelore-Kohl-Biografie „Die Frau an seiner Seite“, die Biografie des Apple-Gründers Steve Jobs sowie „Der ultimative Ratgeber für alles“ von Dieter Nuhr.

Von Mark-Christian von Busse

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