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Interview: Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy erhält Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“

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Von: Leonie Krzistetzko

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Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy.
Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy erhält das „Glas der Vernunft“. © Peter Rigaud.

Die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy wird am Sonntag, 9. Oktober, mit dem Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ ausgezeichnet. Erst kürzlich wurde ihr für ihre Arbeit zu Kunstraub und Restitution von Kulturgütern der Kulturpolitikpreis verliehen. Die gebürtige Pariserin erzählt, was Kassel mit ihrer Leidenschaft für das Thema zu tun hat.

Frau Savoy, kommende Woche werden Sie mit dem „Glas der Vernunft“ ausgezeichnet – was bedeutet Ihnen die Wertschätzung?

Das ist extrem wichtig, gerade zum aktuellen Zeitpunkt und nach den Anstrengungen um historische Wahrheit in Museen. Die Tatsache, dass sich der Gegenwind gelegt, und sich der Wind insgesamt gedreht hat, und ich solche Auszeichnungen bekomme, tut gut. Ich verstehe diese Auszeichnung übrigens nicht „persönlich“ sondern als Anerkennung der Arbeit von vielen, nicht zuletzt von meinem Team junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der TU Berlin.

Was sind die größten Veränderungen in der Diskussion um Raubkunst?

Wenn man vor fünf oder sechs Jahren gesagt hat, dass an Exponaten Blut klebt, haben die Museen alle laut gerufen, dass dies nicht stimme und ihre Sammlungen sauber seien. Fünf Jahre später ist die historische Wahrheit allen klar geworden. Niemand aus den Institutionen würde mehr bestreiten, dass koloniale Gewalt beim Erlangen der Objekte eine Rolle gespielt hat. Es sind mittlerweile auch Kulturgüter zurückgegeben worden. Frankreich hat damit 2021 angefangen und 2,5 Tonnen Kriegsbeute in die Republik Benin zurückgegeben. Und Deutschland hat im Sommer die Rückgabe von hunderten Objekten aus der Stadt Benin-City in Nigeria zugesagt.

Wie kann eine solche Rückgabe gelingen?

Man muss es wollen. Und je nach Land und Verfassung muss ein Gesetz oder Konsens her. In Deutschland gibt es beispielsweise Museen in städtischer Trägerschaft, bei denen die Städte darüber abstimmen müssen. Aber vor allem muss die psychologische Bereitschaft bestehen. Und die ist mittlerweile da.

Wie wichtig ist ein solcher Schritt?

Er ist im Sinne einer neuen Beziehungsethik wichtig – das ist eine neue Qualität von Beziehungen zu ehemals kolonisierten Ländern, die seit ihren Unabhängigkeiten in den 60er-Jahren von Europa mit großer Arroganz behandelt wurden. Nun wird diese Arroganz beiseitegelegt und in eine neue Form von Dialog getreten. Eine Rückerstattung ist nicht nur das Bewegen eines Objekts von A nach B, sondern es geht um Respekt und um Neubeginn sowie darum, dass man von Europa aus loslassen kann und das berechtigte Vertrauen hat, dass alles gut gehen wird. 

Wie wichtig ist es, dass Künstler aus marginalisierten Kulturen ihre Kunst selbst zeigen können? 

Wer sagt überhaupt, dass diese Kulturen „marginalisiert“ sind? Wer hat sie marginalisiert? Dass man im eigenen Land Zeugnisse der eigenen Kultur sehen kann, ist genauso wichtig wie atmen. Es ist das A und O unseres menschlichen Daseins auf der Erde, dass alle Menschen, egal, wo sie auf dem Globus sind, einen Zugang zur eigenen Geschichte, Erinnerung und Schöpferkraft haben können. Und da sich Europa momentan beispielsweise durch eine scharfe Visumspolitik abschottet, können viele Menschen aus dem sogenannten globalen Süden ihre Schätze hier nicht sehen.

Außerdem sind Länder, indem sie ihr Kulturerbe besitzen, in der Lage, in Verhandlungen mit den anderen großen Museen der Welt zu treten. Sie können dann zum Beispiel sagen, dass sie im Austausch für ihren Thron aus Kamerun in ihrem Museum gerne ein Altarbild von Albrecht Dürer ausstellen würden.

Wie könnte man als europäisches Land koloniale Raubkunst ausstellen, ohne dass es fragwürdig ist?

Das ist die große Herausforderung für den Museumsbetrieb in den kommenden Jahrzehnten. Die Frage ist: Wie kann man historisch wahr und transparent erzählen, wie das Museum zu den Objekten gekommen ist, ohne es zu einem Mahnmal für verbrannte Dörfer werden zu lassen? Schafft man es trotzdem, ihre Schönheit zu zeigen? Und wie verhält es sich mit den vielen toten Körper oder Körperteilen, die Museen im 19. Jahrhundert im Namen der Wissenschaft angehäuft haben?

Sie sind 2017 aus dem Expertenrat des Humboldt-Forums in Berlin ausgetreten, weil Sie mangelnde Transparenz und Herkunftsforschung kritisiert haben. Das Museum hat jüngst seinen letzten Teil geöffnet. Wie stehen Sie dazu?

Das Humboldt-Forum hatte irgendwann keine andere Wahl mehr, als doch transparent mit der Herkunft seiner Exponate umzugehen. Nun erzählt das Museum sehr viel, und zum Teil auch sehr brutal. Im Kamerun-Saal wird zum Beispiel sehr transparent erzählt, dass viele Ausstellungsstücke in der Asche gefunden wurden, nachdem die Deutschen dort alles verbrannt haben. Und das sind sehr krasse historische Wahrheiten.

Nun sieht man hier, was mit Museen passiert, wenn die Wahrheit rauskommt. Ich habe sehr lange gesagt, dass wir radikale Transparenz brauchen und das Publikum diese Transparenz auch sehen wolle – nun sehe ich diese radikale Transparenz und frage mich: Oh Gott, war es nicht besser, das alles nicht zu wissen?

Könnte dadurch eine Ausstellung dieser Objekte glücken?

Das ist die große Frage, die mich zurzeit sehr beschäftigt. Ich glaube schon, dass Museumsbesucher die Geschichte hinter den Exponaten kennen wollen. Wenn man sie einmal kennt, ist es aber schwierig, die Objekte ästhetisch zu erfahren. Manche Menschen gehen nämlich ins Museum, um Schönheit zu sehen. Die Frage ist, wie viel Wahrheit die Schönheit verträgt oder ob Wahrheit die Schönheit auch töten kann. Das kann ich selbst nicht beantworten. Ich habe zurzeit auch viele Fragen.

Wieso liegt Ihnen das Thema gestohlener Kulturgüter besonders am Herzen?

Das passt zu Kassel – ich habe mich nämlich mit dem Kunstraub durch Napoleon Bonaparte beschäftigt, der unter anderem das gesamte Fridericianum und die Gemäldegalerie hat ausleeren lassen und die Kunst in den Louvre gebracht hat. Das hat er aber nicht nur in Kassel gemacht, sondern beispielsweise auch in Braunschweig, Schwerin und Berlin. Über das Thema habe ich meine Dissertation geschrieben. Dabei habe ich mich sehr mit der Perspektive der Opfer beschäftigt – denn bis dato ging es fast immer nur um die Geschichte der Sieger. Das hat mich in eine empathische Position gegenüber den Opfern von Kultur- und Kunstraub gebracht. Das lässt einen nicht los.

Zur Person: Bénédicte Savoy

Prof. Dr. Bénédicte Savoy (50) leitet das Fachgebiet Kunstgeschichte der Moderne an der TU Berlin. Sie wurde in Paris geboren, wo sie zum französischen Kunstraub in Deutschland um 1800 promovierte. Von 2017 bis 2018 beriet sie Frankreichs Staatspräsidenten Emmanuel Macron zur Restitution afrikanischer Kulturgüter. Savoy lebt in Berlin.

Kasseler Bürgerpreis „Glas der Vernunft“

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ wurde 1990 nach Ende des Eisernen Vorhangs ins Leben gerufen. Er wird von Bürgern der Stadt und der Region Kassel durch Spenden und Mitgliedsbeiträge gestiftet und jährlich an Personen oder Institutionen vergeben, die in ihrer Arbeit den Idealen der Aufklärung dienen. Der Preis wird in diesem Jahr zum 31. Mal verliehen. Die Auszeichnung ist mit 10 000 Euro dotiert. Für die Preisverleihung am Sonntag, 9. Oktober, um 11.30 Uhr im Opernhaus des Staatstheaters Kassels sind noch Anmeldungen per Mail möglich. Spenden werden erwartet.
Anmeldung: info@glas-der-vernunft.de

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