Nur nicht die Party verderben lassen

Analyse zur Echo-Verleihung: Nur Campino hatte was zu sagen

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Szenen der Echo-Verleihung:  Farid Bang und Kollegah mit seiner Campino-Karrikatur.

Endlich war die Verleihung des deutschen Musikpreises Echo mal so etwas wie spannend. Doch mit welchen Folgen?

Dafür gesorgt, dass der Echo nicht wie sonst im Gähn-Einerlei der Fernsehlandschaft verschwand, hat im Vorfeld nicht etwa die vierwöchige Powerbewerbung durch den Sender Vox, sondern die hitzige Diskussion um die zwei Gangster-Rapper Kollegah und Farid Bang, die in ihrem Song „0815“ rappen „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“. Nur Geschmacklosigkeit oder Antisemitismus?

Die Rapper dürfte die riesige Aufmerksamkeit gefreut haben, denn die hatten sie nicht mal, als ihr Album „Jung brutal gutaussehend 3“ auf den Markt kam. Und: In letzter Zeit wurden ihre Bühnen eher kleiner als größer. Kürzlich standen sie im Städtchen Borken im Schwalm-Eder-Kreis in einer nicht ausverkauften Kleinstadt-Disko auf der Bühne. Ihre Bekanntheit ist nun gestiegen.

Der Echo ist dagegen das geblieben, was er vorher war: Ein Musikpreis, bei dem es um Kommerz statt um Kunst und Kreativität geht – so hohl und meinungsschwach, wie es eben auch viele der nominierten Popsongs sind.

Es gab nur wenige Ausnahmen: Laudator Johannes Oerding und die Preisträger des PxP-Benefiz-Festivals, die sympathische Plädoyers für Nächstenliebe hielten. Und allen voran Campino, Frontmann der Toten Hosen (Echo in der Kategorie „Rock National“). Provokation sei ein wichtiges Stilmittel, so Campino. „Die Grenze der Toleranz ist überschritten“, sagte er zu den Rappern, die überraschend bedröppelt dreinblickten und nicht in ihre üblichen Macker-Muskel-Posen verfielen. Später fühlten sie sich „an den Pranger gestellt“ und hielten ein selbst gezeichnetes Bild von Campino mit Heiligenschein in die Höhe – Chance auf eine angemessene Reaktion: vertan.

Dieses Video ist ein Inhalt des Videomarktplatzes Glomex und wurde nicht von der HNA erstellt.

Doch Campinos emotionale Rede und der Applaus, den er dafür bekam (den man sich noch kräftiger gewünscht hätte), änderten nichts daran, dass neben Helene Fischer, Mark Forster und Co. – die sich allesamt brav bedankten, aber sonst nichts zu sagen hatten – auch Farid Bang und Kollegah einen Echo erhielten. Flankiert von einer vermummten Horde hatten sie einen Auftritt auf der großen Bühne, die man ihnen bereitete. Dabei verzichteten sie zwar auf die umstrittene Textzeile, aber kündigten an: „mein Rap bleibt menschenverachtend“.

Campino hatte was zu sagen.

Und das Musiker-Publikum? Ja, es gab Pfiffe und Buh-Rufe. Aber auch Applaus. Diese Mischung muss in den Ohren der Gangster-Rapper wie Jubel geklungen haben. Warum stehen die Mark Forsters, Lochis, Wincent Weiss’ nicht auf und gehen? Warum tänzelt Helene Fischer nur in ihrem Glitzer-Fummel statt endlich Haltung zu zeigen? Fragen, auf die dieser Abend keine Antwort gab. Stattdessen: Stumpfes Preise annehmen und sich auf den Aftershow-Alkohol freuen.

Bedankte sich, zeigte aber keine Haltung: Helene Fischer.

Es hätte bei diesem Echo um mehr als um monetären Absatz gehen können – nein: müssen! Dabei war übrigens nie die Kunstfreiheit in Gefahr, denn es ging nicht darum, den Titel „0815“ zu verbieten. Statt Haltung zu zeigen, zeichnet man Berufssexisten und Gewaltfetischisten aus. Ein verheerendes Zeichen in einer Zeit, in der sich dieser Rap immerhin so gut verkauft, dass es für einen Verkaufszahlen-Preis reicht. Leider wollte sich aber von den Musikern kaum einer die Party verderben lassen – auch eine Haltung.

Die Echo-Gewinner:

Album des Jahres: Ed Sheeran („Divide“) Hit des Jahres: Ed Sheeran („Shape Of You“) Künstler Pop national: Mark Forster („Tape“) Künstlerin Pop national: Alice Merton („No Roots“) Band Pop national: Toller Erfolg für das Kasseler Pop-Duo Milky Chance („Blossom“) Schlager: Helene Fischer („Helene Fischer“) Volkstümliche Musik: Santiano („Im Auge des Sturms“) Hip-Hop/Urban national: Kollegah & Farid Bang Dance national: Robin Schulz („Uncovered“) Rock national: Die Toten Hosen („Laune der Natur“) Band international: Imagine Dragons („Evolve“) Künstler international: Ed Sheeran („Divide“) Künstlerin international: Pink („Beautiful Trauma“) Newcomer national: Wincent Weiss („Irgendwas gegen die Stille“) Newcomer international: Luis Fonsi („Despacito“) Produzent national: Peter Keller („MTV Unplugged - Peter Maffay“) Bestes Video national: Beatsteaks feat. Deichkind („L auf der Stirn“) Kritikerpreis national: Haiyti („Montenegro Zero“) Lebenswerk: Klaus Voormann Soziales Engagement: Festival Peace X Peace von Fetsum Sebhat und Tedros Tewelde (dpa)

Die Echo-Nacht zum Nachlesen finden Sie hier.

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