"Kollegah geht es nur darum, Alarm zu machen"

Antisemitismus im HipHop: Warum der jüdische Rapper Ben Salomo falsch liegt

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Umstrittene Rapper: Kollegah (links) und Farid Bang bei der Verleihung des Musikpreises Echo. 

Jude sei mittlerweile ein schlimmeres Schimpfwort als Hurensohn, sagt der jüdische Rapper Ben Salomo nach dem Echo-Skandal um Kollegah. Heimische HipHopper bewerten die Antisemitismus-Debatte anders.

Nadim Kabel versteht die Diskussion um Kollegah und den Antisemitismus im deutschen HipHop nicht. Als der Kasseler, der in Rotenburg das Tonstudio Fachwerk-Studios betreibt, einst mit dem Rappen begann, war das für ihn "eine eigene Religion". Damals, sagt der 31-Jährige, war es nicht wichtig, ob man Jude oder Moslem war".

Seitdem jedoch die Gangstarapper Kollegah und Farid Bang mit dem Musikpreis Echo ausgezeichnet wurden, obwohl sie antisemitische Zeilen wie "mein Körper definierter als Auschwitz-Insassen" rappten, wird über die Judenfeindlichkeit im deutschen Sprechgesang diskutiert.

Vorläufiger Höhepunkt der Debatte ist ein Interview des jüdischen Rappers Ben Salomo, der in Berlin die erfolgreiche Reihe "Rap am Mittwoch" veranstaltet und nun aufhört, weil "Drecksjude" selbst dem gängigen "Hurensohn" den Rang als Schimpfwort Nummer eins ablaufe.

Mit Antisemitismus wurde Jonathan Kalmanovich, wie der in Israel geborene Musiker eigentlich heißt, auch früher konfrontiert. Bei einem Rap-Battle, wo es darum geht, den Konkurrenten am Mikro besonders stilvoll fertig zu machen, warf ihm ein Konkurrent einmal entgegen: "Am Ende landest du wieder im Ofen." Salomos Antwort: "Pass ma auf, wie ich dich ausbomb. Ich bin der erste Jude, der aus dem Ofen wieder rauskommt."

Er hält also einiges aus. Aber nun ist es für Salomo zu viel geworden. Er stört sich unter anderem an dieser Zeile aus einem Kollegah-Song: "Mache wieder mal 'nen Holocaust, komm an mit dem Molotow." Und im Video zu "Apocalypse" trägt ein Diener des Teufels einen Davidstern. Das ist keine Israelkritik mehr, die oft mit Judenfeindlichkeit verwechselt wird, sondern ein "uraltes, antijüdisches Ressentiment".

Noch beängstigender findet Salomo, dass etwas, das bis vor kurzem als Tabubruch galt, nun ganz normal wird: "Die Kinder und Jugendlichen hören diese Alben, werden enthemmt und verroht. Jude wird zum Schimpfwort, schlimmer als Hurensohn."

Das wäre eine sehr bedenkliche Entwicklung. Die Frage ist jedoch, ob es wirklich so schlimm ist und ob Juden, die einzigen sind, die diskriminiert werden (was die Sache natürlich nicht besser machen würde). Der Kasseler Ippolit Vikhorev, der unter dem Künstlernamen Paul Wind Musik macht, hat "noch nie erlebt, dass auf einem Jam oder irgendwo anders etwas gegen Juden gerappt wird". Dafür bekommen es regelmäßig andere ab, etwa Schwule. Und wenn Gangstarapper wie die 187 Strassenbande auf Tour sind, johlen junge Mädchen die schlimmsten frauenverachtenden Zeilen mit.

Produzent Nadim Kabel wiederum, der als Musiker unter dem Namen Air Fork One auftritt, wehrt sich dagegen, dass Typen wie Kollegah mit dem deutschen HipHop gleichgesetzt werden: "Was die machen, ist nur Pop-Zirkus, der ausschließlich auf dem Prinzip Schimpfwort basiert. Es geht einzig darum, Alarm zu machen. Das garantiert mediale Relevanz und einen Riesenerfolg."

Dieses Video ist ein Inhalt des Videomarktplatzes Glomex und wurde nicht von der HNA produziert.

Und der erfolgreiche Hofgeismarer Rapper Jonas Kramski alias Pimf beklagt die Doppelmoral der Plattenfirma Sony BMG, die die Zusammenarbeit mit Kollegah erst beendete, nachdem sie mit dem Rapper sehr viel Geld verdient hat: "Das ist heuchlerisch. Trotzdem finde ich gut, dass endlich über Antisemitismus geredet wird - nicht nur im HipHop." 

Ben Salomo: Antisemitisch wie Rechtsrock

Die Deutschrap-Szene, hält Solomo für "genauso antisemitisch wie Rechtsrock. Aber der Unterschied ist, dass sie es nicht wahrhaben will". Das ist trotz der sehenswerten WDR-Doku "Die dunkle Seite des deutschen Rap" eine gewagte These, denn deutscher HipHop ist weitaus mehr als der Macho-Adrenalin-Muskel-Style von Kollegah, der beim Echo ausgezeichnet wurde. Es gibt feministische Rapperinnen wie Fiva, das Berliner Duo Zugezogen Maskulin, dessen Songs soziologischen Studien gleichen, Wortwitz-Helden wie Pimf aus Hofgeismar und linke Politaktivisten wie die Antilopen Gang. Das Düsseldorfer Trio warfen Kollegah übrigens gerade vor, wie "ein faschistischer Agitator" zu agieren, "der auf seinem Youtube-Kanal mit enormer Reichweite den Volkszorn gegen die Mächtigen, die Medien und andere Feinde schürt". Wenn es um Antisemitismus geht, geht es also längst nicht nur um HipHop.

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