Opernhaus Kassel

Den echten Gefühlen auf der Spur: Emotionale Tiefe in Puccinis „Tosca“

Kassel. Einmal, am Ende des ersten „Tosca“-Aktes, zucken alle im Opernhaus zusammen, die Zuschauer ebenso wie der Chor der Nonnen, Mönche und Chorkinder auf der Bühne: Baron Scarpia, Roms gefürchteter Polizeichef, geht nach dem prunkvollen Te deum auf den Papst zu - und lässt sich vom Kirchenoberhaupt die Hand küssen.

Schlagartig wird deutlich, dass Scarpia nicht nur ein mächtiger Mann ist, sondern die Macht schlechthin verkörpert. Adriana Altaras, prominenter Regiegast aus Berlin, holt das Geschehen von Puccinis berühmtem Opernschocker nicht nur in dieser Szene ganz nah ans Publikum heran. Keine fernen Opern-Kunstwelten werden aufgebaut, nichts wird verfremdet. Stattdessen erleben wir Menschen aus Fleisch und Blut, wir werden Zeugen eines dramatischen Geschehens, das sich genau so vor unseren Augen abspielen könnte - irgendwann zwischen dem Uraufführungjahr 1900 und heute.

Dass politische Verfolgte durch Folter gequält und Angehörige erpresst werden, ist in der globalisierten Welt medial ständig präsent. In der Oper „Tosca“ sind Kirche und römischer Staat die totalitären Institutionen. Massive Räume (Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Yashi Tabassomi) verdeutlichen dies: eine finstere Kirche, dann Scarpias Machtbunker, und auch die Engelsburg-Treppe im letzten Akt führt nicht ins Freie, sondern ins Nichts.

Wie Altaras die Personen aufeinanderprallen lässt - die eifersüchtige Floria Tosca auf ihren Geliebten, den Maler Cavaradossi, und beide zusammen auf Scarpia und seine Helfer, ist bis ins Detail schlüssig inszeniert, hat Dramatik - und Witz.

Liebe, die der Folter standhält: Das Paar Mario Cavaradossi (Johannes An) und Floria Tosca (Mirjam Tola). Foto: Nils Klinger

Die großen Gefühle aber, die kommen von den Darstellern und aus dem Orchestergraben. Mirjam Tola ist eine grandiose Floria Tosca, die die kleinen Schwächen der eifersüchtigen Diva wie auch das tapfere Herz der liebenden Frau mit natürlicher Eleganz verkörpert. Für ihre mit wunderbar klarem Timbre, intensiv und fein nuanciert gesungene Arie „Vissi d’arte“ erntete sie spontane Bravos im ausverkauften Haus.

Johannes An lässt als Cavaradossi spüren, wie nahe Mut und Übermut dieser Figur beieinander liegen. Nicht nur beim Arienhit „E lucevan le stelle“ zeigt er seine Tenor-Strahlkraft. Gelegentlich neigt er jedoch zu übersteigertem Pathos.

Espen Fegran ist als Scarpia eher der verschlagene Machtmensch als der offen brutale und abgründig Böse. Stimmlich zeigt er sich ungemein flexibel - verfügt aber dabei über die nötige Schärfe. Zum hohen sängerischen Niveau tragen neben dem Ensemble - darunter Publikumsliebling Dieter Hönig als Mesner - auch die Chöre bei.

Wie radikal modern und emotional direkt Giacomo Puccinis leider oft verkitschte Musik in Wahrheit ist, offenbart Kassels Erster Kapellmeister Yoel Gamzou auf berührende Weise. Äußerst flexibel geht er mit dieser Musik um und erzeugt so punktgenau Spannung. Und er lässt die großen Gefühle bei Puccini erst richtig groß werden, indem er Präzision vor falsches Pathos setzt.

Langer Beifall und viele Bravos für diesen Opernstart in die neue Spielzeit.

Wieder am 28.9., 3.10. Karten: Tel. 0561 / 1094-222

Von Werner Fritsch

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