Edles Boxenluder: Désirée Nick überzeugt in Baunataler Stadthalle

Schrill und glitzernd: Entertainerin Désirée Nick beim Baunataler Sommer. Foto: Fischer

Baunatal. Auf den ersten Blick wirkt Désirée Nick nur wie die Grande Dame der Bildschirm-Boxenluder, die man im Fernsehen ständig zu sehen bekommt, ohne genau zu wissen warum. Das sind Frauen wie Verona (Feldbusch) Pooth und Daniela Katzenberger, die sich mit Oberweite und Naivität durch die tumben Dschungelcamps deutscher TV-Angebote lächeln.

Doch Désirée Nick, die sogar mal Königin im Dschungelcamp von RTL war, hat wesentlich mehr zu bieten als oberflächliches Schaulaufen über die lamettabehangenen Laufstege sinnfreier Abendunterhaltung. Ihr Auftritt in der Baunataler Stadthalle verlangte allerdings nach der Bereitschaft, den Ersteindruck einer skurril-erotischen Revue inhaltlich zu entschlüsseln. Wer sich dem verweigerte, der hatte nicht viel zu lachen.

Und auch das Niveaugefälle mit Schwächen zu Beginn und einer deutlichen Steigerung in der zweiten Hälfte verführte zu einer distanzierten Einschätzung bei einigen Zuschauern. Doch dass man hinter Haute Couture und Judy-Garland-Motorik beißende Medienkritik ausdrucksstark inszenieren kann, bewies die selbstbewusste Berlinerin bei diversen Gesangsnummern und Wortbeiträgen.

„Sex sells“ steht als Lösungsvorschlag fast hinter jedem Vermarktungskonzept und als perfekt geformte Blondine weiß Nick genau, wie die Männerwelt funktioniert. Doch wenn sie sabbert und sich eine Torte in das Gesicht schmiert, über die Ehe lästert und mit schwulen Männern aus dem Publikum flirtet, bröckeln die Klischees.

Die Mischung aus „Titanic“ und „Gala“ verwirrt mit ungeschminkter Realität, Reese Witherspoon aus der US-Komödie „Natürlich blond“ lässt grüßen. Und der Traum von einer Filmkarriere zerplatzt wie eine Seifenblase im Alltag einer gnadenlosen Medienindustrie. Désirée Nick weiß das, kennt Opfer und provoziert die Gralshüter der Verlogenheit.

Als „Ein Mädchen aus dem Volk“ (Programmtitel) pflegt sie die Berliner Tradition des offensiven Varietés und hat mit dem Pianisten Volker Sondershausen einen profunden Begleiter mit im Boot. Man kann nur hoffen, dass sie ihre Ankündigung, sich demnächst in das Privatleben zurückziehen zu wollen, nicht ernst meint. Denn niemand beherrscht den sinnlichen Handkantenschlag in den Nacken des Glamours so wie sie. Großer Applaus.

Baunataler Sommer, heute, 19.30 Uhr: Werner Koczwara, morgen, 19.30 Uhr: Joja Wendt

Von Andreas Köthe

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