„Du sollst nicht lügen“: Der Journalist Jürgen Schmieder hat versucht, 40 Tage die Wahrheit zu sagen

Ehrlich währt wirklich am längsten

Das Sympathische an Jürgen Schmieders Buch „Du sollst nicht lügen“ ist, dass es gnadenlos ehrlich ist. Zumindest beschönigt der Redakteur von sueddeutsche.de nicht, dass ihn sein Umfeld zeitweilig für „ein arrogantes und selbstverliebtes Arschloch“ hält. Oft wirkt es sogar umgekehrt: Als sei Schmieder stolz darauf, eingebildet, ungehobelt, unflätig zu sein - und als fühle er sich trotzdem als ein ganz toller Hecht. Und das macht ihn und sein Buch wiederum ziemlich unsympathisch.

Wo andere in der Fastenzeit auf Schokolade oder Alkohol verzichten, da wollte der 30-Jährige radikal ehrlich sein, 40 Tage lang. Seine Erfahrungen, angereichert mit Lektüre- und Rechercheergebnissen zum Thema, schildert er in seinem Buch: Sein bester Freund verpasst ihm eine Rippenprellung, seine Frau schickt ihn auf die Couch, aber es kommt auch zum alkoholseligen und ersten guten, offenen Gespräch mit dem großen Bruder seit Jahren.

Auch Schweigen, wenn man eigentlich etwas sagen will oder müsste, ist für Schmieder unehrlich. Nun missversteht er sein Ehrlichkeitspostulat zunächst als Lizenz zum Pöbeln - wer ihn nervt, ob Zugbegleiter oder Angeber im Fitnessstudio, wird unumwunden angemacht. Wen er in der Redaktion nicht mag, dem wünscht er auch keinen „guten Morgen“. Es dauert, bis Schmieder begreift, dass Ehrlichkeit nicht bedeutet, wahllos beleidigen zu dürfen: „Ehrliche Demut ist schwieriger als ehrliche Arroganz.“ Er erfährt auch, wie schwer Ehrlichkeit gegenüber sich selbst fällt. Man verfolgt diesen Lernprozess nicht nur gern, weil man oft über sich selbst nachzudenken gezwungen wird, sondern auch, weil Schmieder schreiben kann: pointiert und amüsant.

Sein Fazit, ein Plädoyer für „respektvolle Ehrlichkeit“, für eine grundsätzliche Aufrichtigkeit mit kleinen Kompromissen, ist dann wenig überraschend und auch etwas banal. Absolute Offenheit wäre aberwitzig, sie würde unsere Gesellschaft sprengen. Lügen mögen zwar das Schmiermittel für ihr Funktionieren sein - wir alle lügen um die 200 Mal am Tag, sagt die Wissenschaft, „Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit jedoch bleiben ihr Motor“.

Jürgen Schmieder: Du sollst nicht lügen. C. Bertelsmann, 336 S., 14,95 Euro. Wertung: !!!::

Von Mark-Christian von Busse

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