Aus Berlin berichtet unsere Filmkritikerin Bettina Fraschke

Ein Biennale-Höhepunkt: Christian Petzolds Wettbewerbsfilm "Transit"

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Ein Moment der Ruhe: Marie (Paula Beer ) und Georg (Franz Rogowski) treffen sich in einem Hotel.

Berlin. Regisseur Christian Petzold überzeugt wieder einmal mit einem außergewöhnlichen Filmdrama. 

Das Leben ist ein Transitraum. Es ist der Normalzustand des Menschen, sich in einer Art Übergangsphase zu befinden. Heimat hingegen, also sich aufgehoben oder angekommen zu fühlen, gibt es allenfalls für Momente. Zum Beispiel, wenn man sich in einem anonymen Hotelzimmer an den Rücken eines Menschen schmiegt, oder wenn man mit einem fremden Jungen auf der Straße ein paar Bälle kickt.

Dieses Unbehaustsein als Grundzustand des Menschen erkundet Christian Petzold in seinem phänomenalen Filmdrama „Transit“, mit dem Deutschland am Samstag sehr stark in den Wettbewerb der Berlinale eingestiegen ist. Wie immer stellt der Regisseur, der bereits zum vierten Mal in den Wettbewerb des Festivals eingeladen wurde, radikal die Frage nach der Identität des Menschen, nach dessen innerem Kern, und lässt seine fragilen Figuren fast wie Gespenster durch die Geschichte irrlichtern.

Das wird befördert durch die überraschende, aber großartig funktionierende Konstruktion der Handlung: Petzold adaptiert Anna Seghers Zweiter-Weltkriegs-Roman „Transit“, in dem Flüchtlinge kurz vor der deutschen Besatzung in Marseille eintreffen und dort auf Visa und Schiffspassagen warten. Aber er gestaltet daraus keinen historischen Film, sondern lässt seine Protagonisten durchs Marseille der Gegenwart streifen, am heutigen Hafenterminal nach Passagierlisten fragen, sich vor einer Polizeirazzia verstecken. Das erzeugt einen Effekt wie eine Doppelbelichtung: Beide Zeitebenen scheinen übereinanderzuliegen. So wird der Blick auf Kontinuitäten der Geschichte frei.

Die Stimme eines Erzählers aus dem Off (Matthias Brandt) erzeugt, zum Teil direkt über die Dialoge der handelnden Figuren gelegt, eine weitere Verfremdungsebene. Etwas Verträumtes.

Wer ist dieser Georg (Franz Rogowski), dieser Mann, der auf der Flucht in die südfranzösische Hafenstadt kommt, Papiere eines Toten in der Tasche, die er eigentlich den Behörden übergeben will, dann aber doch behält. Vielleicht auch wegen Marie (Paula Beer), der Frau des Verstorbenen. Wenn er die Identität dieses Schriftstellers annimmt, könnte er sofort ausreisen. Sagt er Marie die Wahrheit? Sie sucht ihren Mann und wird durch dieses Getriebensein seelisch fast aufgefressen.

Und die Menschen, denen Georg in den Fluren der Konsulate, in den billigen Pizzerien und im Hoteltreppenhaus begegnet? Die sind wie er. Ihre Identitäten sind so fragil, dass sie sich an ihren Geschichten von Flucht und von all dem, was sie aufgegeben haben, festhalten und dauernd davon erzählen möchten. Aber zuhören will niemand.

Und spätestens das ist der Moment, wo sich die Frage nicht mehr wegdrängen lässt, wo Raum ist für die Geschichten derer, die heute in der anderen Richtung übers Meer fliehen?

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