„Ein bisschen Glück beschaffen“

Wenn ich am Meer bin und mich eine Welle umhaut, dann fühlt sich das an, als ob ich eine Ohrfeige von meinen Intuitionen bekomme". Diese Art von unsanfter Intuition: Sie steckte schon immer in Y'akotos weltläufiger Musik, die sich nie scheute, aufzurütteln, aufzuwecken, anzuecken.

Das Meeresmotiv findet sich in ihrem neuen, dritten Album „Mermaid Blues“ - Soul mit jeder Menge Salz und Sinnlichkeit. Im Interview gibt sie sich neugierig und nachdenklich.

Viele Bluessängerinnen haben mit dem Weltschmerz und Problemen zu kämpfen. Haben Sie schon herausgefunden, warum viele Frauen, etwa Billie Holiday oder Amy Winehouse, am Blues zugrunde gehen?

Y’akoto: Frauen sollten sich mehr auf ihre Stärken besinnen. Das ist ein Appell meines Albums. Es geht darum, zu akzeptieren, wie man ist. Die Unvollkommenheit ist perfekt. Und das gilt es, als Stärke zu akzeptieren, dann läuft man als Frau auch nicht als emotionales Weichspülerwesen durch die Gegend.

Sie bezeichnen sich als Geschichtenerzählerin. Was für Geschichten erzählen Sie - persönliche oder erfundene?

Y’akoto: „Full Me Once“ ist eine persönliche Erfahrung. Die Erkenntnis, dass es in der Liebe keine Täter oder Opfer gibt. Es gibt immer den, den man als Täter empfindet. Aber man lässt auch etwas mit sich machen. Diese Einsicht ist eine Befreiung.

Blues und Leichtigkeit gehen oft nicht zusammen. Wenn man Ihre Musik hört, klingt es anders…

Y’akoto: Man kann auch im Blues Momente der Leichtigkeit produzieren. Ich lasse mich von einer Melodie nicht beeinflussen, wie der Text klingen soll - oder umgekehrt. Deswegen kann ein Song eine Fusion sein - eine sentimentale Ballade, aber auch etwas, was sich erhebt. Wie die Meerjungfrau, die auftaucht.

Ist Ihr Album ein politisches Statement?

Y’akoto: Ob es politisch ist, weiß ich nicht. Aber: Künstler zu sein und seine Texte zu schreiben, mit dem Rhythmus der Zeit zu gehen und nichts Vorgefertigtes zu machen, nur weil es der Masse gefallen könnte, das ist revolutionär.

Hatten Sie damit zu kämpfen, politisch instrumentalisiert zu werden?

Y’akoto: Kämpfen ist nicht meine Art, das ist Energieverschwendung. Ich habe schon immer auch drängende Themen angesprochen, als sie noch nicht so sehr in den Medien waren. Ich lasse mich nicht von Trends beeinflussen. Das traue ich mich. Und ich lasse mich nicht vereinnahmen. Ich stehe für mich und schreibe Musik für alle Menschen.

Die Kritiker überschlagen sich mit Lob. „Stimmwunder“, „musikalische Sensation“, „heißester Newcomer“ wurde über Sie gesagt. Wie groß ist jetzt der Erfolgsdruck?

Y’akoto: Mein Erfolgsdruck orientiert sich daran, meine eigene Linie zu finden. Ich kann nicht kontrollieren, was andere über mich sagen. Mir geht es um den Prozess des Machens und nicht um den des Fertigseins.

Sie nennen Ihre Musik Soulseeking-Music. Was ist das?

Y’akoto: Die Suche nach dem, was uns bewegt. Wir leben in einer sehr ergebnisorientierten Gesellschaft. Es geht immer darum, etwas zu leisten und zu kaufen. Mir geht es um das Leben an sich.

Sie sind in Ghana aufgewachsen, mit elf nach Deutschland gekommen und pendeln heute zwischen Hamburg, Paris, Stockholm, Los Angeles und den afrikanischen Küstenmetropolen Dakar, Accra und Lome. Wo ist ihre Heimat?

Y’akoto: Als globaler Mensch bin ich der Meinung, dass das Wort Heimat nicht über Grenzen definiert werden sollte. Es geht darum, sich ein kleines bisschen Glück zu beschaffen. Heimat erfordert Menschlichkeit und Wärme. Es gibt viele Menschen, die irgendwo zuhause sind, aber keine Menschlichkeit erfahren und gezwungen werden, sich eine Heimat in einem neuen Land aufzubauen. Weil dort die Grundbestimmungen stimmen, weil dort Frieden ist, weil man sich finanziell verwirklichen kann.

Kennen Sie geflüchtete Menschen persönlich?

Y’akoto: Wir müssen uns nur umgucken, wenn man in jedem Restaurant mal an der Küche vorbeigeht: Wir sind alle da und haben unsere unterschiedlichen Geschichten. Ich finde nicht wichtig, wie wir wohin gekommen sind, sondern, dass wir wo sind.

Ist Ihr Soul der passende Sound, die Antwort für die Wutbürger?

Y’akoto: Ein Therapeut wäre die passende Antwort darauf.

Y’akoto: Mermaid Blues (Warner) Wertung: 5 von 5 Sternen

Zur Person

Y’akoto (29), bürgerlich Jennifer Yaa Akoto Kieck, ist Soulsängerin und Songschreiberin. Y’akoto wurde in Hamburg geboren, wuchs aber in Ghana auf. Zurzeit lebt sie in Hamburg, Lomé und Paris. Die Tochter eines ghanaischen Musikers und einer deutschen Politologin nahm in ihrer Karriere nie den geraden Weg. Einen Plattenvertrag wollte sie nicht so schnell unterschreiben. Stattdessen studierte Y’akoto Tanzpädagogik. 2012 kam ihr Durchbruch: Ihre erste Single „Tamba“ packte ein brisantes Thema an. Y’akoto sang vom Leid von Kindersoldaten. (may)

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