Interview: Wolfgang Murnberger über seine Nazi-Komödie „Mein bester Feind“

„Ein Jude ist ein Held“

Überlistet die Nazis: Moritz Bleibtreu als Victor Kaufmann in „Mein bester Feind“. Foto: Neue Visionen

Seine Filme mit Josef Hader als Detektiv Brenner wie „Der Knochenmann“ sind Publikumsrenner, nun hat Wolfgang Murnberger eine Nazi-Komödie gedreht: In „Mein bester Feind“, ab Donnerstag im Kino, spielt Moritz Bleibtreu den Sohn eines Wiener Juden und Kunsthändlers, den sein Jugendfreund 1938 an die Nazis verrät und der sich später dessen SS-Uniform schnappt, um zu überleben. Wir sprachen mit dem 50-jährigen Murnberger.

Sie schreiben die Bücher Ihrer Filme meist selbst, dieses ist Ihnen angeboten worden, nachdem es in Hollywood abgelehnt wurde. Konnten Sie sich sofort dafür begeistern?

Wolfgang Murnberger: Es war nie mein Ziel, mich künstlerisch mit dem Thema auseinanderzusetzen. Aber das Drehbuch war klasse. Es stammt von einem Juden, der in Wien im Untergrund den Krieg überlebt hat. Ich hatte den Eindruck, dem Autor war es ein Bedürfnis, einen Film zu schreiben, in dem ein jüdischer KZ-Häftling aus eigener Kraft ein Held ist und die Nazis überlistet. Im Gegensatz zu „Schindlers Liste“, in dem die Juden Opfer sind und vom guten Deutschen gerettet werden müssen.

War das Buch bei Ihnen auch in guten Händen, weil kein düsteres Drama erzählt wird, sondern eine unterhaltsame Tragikomödie geboten wird?

Murnberger: Als mir das Buch angeboten wurde, war die Richtung offen. Ich hätte wie Quentin Tarantino in „Inglourious Basterds“ auf jeden Bezug zur Realität verzichten können. Aber die Reduzierung des Stoffes auf künstlerische Ansätze hätte nicht dem Ansatz des Autors entsprochen, der eine gewisse Realität bewahren wollte und auch die tragischen Momente im Verrat eines Freundes in die Handlung integriert hatte. Das sprach für eine Tragikomödie, in der der Held in höchster Gefahr in komische Situationen gerät, um sein Leben zu retten.

Bei der Berlinale wurde heftig kritisiert, dass Moritz Bleibtreu nach Jahren der KZ-Haft noch so gut genährt war. Wie weit kann man gehen bei der Vernachlässigung von solchen Details?

Murnberger: Wenn ich Moritz Bleibtreu zu einem Skelett abhungern lasse, würde der Kleidertausch nicht funktionieren. Beim Erzählen einer leicht überhöhten Geschichte muss ich mir Freiheiten nehmen können. Das ist Kino. Nicht zuletzt, weil die pure Nachstellung der Realität des Holocaust für mich unerträglich wäre.

Es gibt Referenzen an Ernst Lubitschs „Sein oder Nichtsein“.

Murnberger: Natürlich habe ich in „Mein bester Feind“ auch das Element des Kleidertauschs drin, aber „Sein oder Nichtsein“ ist ebenso wie Chaplins „Großer Diktator“ viel artifizieller. Die Regisseure haben es leichter gehabt, denn sie haben das Ausmaß des Schreckens nicht mal erahnt. Beide haben eingestanden, dass sie diese Filme nicht so konzipiert hätten, wenn sie gewusst hätten, was wirklich passiert ist. Erst jetzt haben wir den Abstand, mit dem man das wieder so anpacken kann.

Weil es nicht mehr um das Verurteilen, sondern um das Verstehen menschlicher Abgründe geht?

Murnberger: Das ist der entscheidende Unterschied. Wenn mir der Satz vorher eingefallen wäre, hätte ich ihn verwendet.

Wurde das Thema in Ihrer Familie so behandelt, dass Sie es verstehen konnten?

Murnberger: Mein Vater hat immer gesagt, das war nicht alles schlecht, was die Nationalsozialisten wollten. Er ist der Sohn eines Wirtshausbesitzers, dem es nicht gut gegangen ist. Er hatte Schuhe, seine Freunde mussten barfuß laufen. Und plötzlich hatten sie Schuhe. Das kann man sich heute nicht mehr vorstellen, was das für sie bedeutet hat. Über dieses Gefühl hat mein Vater versucht zu erklären, was ich nicht verstehen konnte.

Haben Sie gegen diese Erklärungen rebelliert?

Murnberger: Mein Vater ist der Diskussion ausgewichen. Er hat sich die Formel zurechtgelegt, Stalin und Mao haben genauso viele Leute auf dem Gewissen wie Hitler. Das mit den Juden sei nicht in Ordnung gewesen. Aber alles andere, die Idee dieses Großdeutschen Reichs, die hätte er wohl auch gern verwirklicht gesehen. Vielleicht entspringt dies dem Trauma, dass Österreich mal eine Weltmacht war und wir heute so ein kleines Land sind. (Ricore)

Von Katharina Dockhorn

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