CD-Projekt sucht Unterstützer

Göttinger Ensemble CarlSong verjazzt Lautenstar John Dowland

Musiker Martin Tschoepe (links), Hanna Carlson und Andreas Düker.
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Neue Klangideen: Martin Tschoepe (links), Hanna Carlson und Andreas Düker.

Das Ensemble CarlSong aus Göttingen hat ein Crowdfunding-Projekt gestartet, um Musik John Dowlands auf einer CD herauszubringen.

„Keine Nacht ist dunkel genug für jene / Die verzweifelt ihr verlorenes Glück betrauern“: John Dowland ist der Meister der Melancholie. Im Elisabethanischen Zeitalter, also in Großbritannien um 1600, gab er der Schwermut eine musikalische Heimat. Dowland ist der bekannteste Komponist für die Laute, bis heute werden seine ebenso kunstvollen wie ergreifenden Lieder interpretiert.

Bis 6. Juni kann für „Time Stands Still“ gespendet werden. Für Unterstützer gibt es je nach Förderhöhe unterschiedliche Dankeschöns – von einer Konzertkarte oder CD für 15 Euro bis zu einem Wohnzimmerkonzert, das für eine Spende von 1000 Euro drin ist. Mindestens 2500 Euro werden benötigt, Plattenfirmen schießen so etwas kaum noch vor, sagen die Musiker.

Dowlands Musik schlägt eine Brücke über die Jahrhunderte hinweg, spricht heutige Hörer künstlerisch ebenso überzeugend an wie er musikalisch und textlich berührt. „No nights are dark enough for those / That in despair their last fortunes deplore“ heißt die oben zitierte Zeile aus dem Lied „Flow My Tears“ im Original.

Die drei Göttinger Künstler nähern sich dem Lautenmeister nun aus einer ganz anderen Richtung: Sie greifen in den Kreativbaukasten des Jazz und arrangieren die ehrwürdigen Sätze neu. „Text und Melodie bleiben aber erhalten“, sagt Lautenist Andreas Düker. Martin Tschoepe hat die Arrangements geschrieben und lässt darin auch Raum für Improvisation. Er hat Dowland-Titel bearbeitet wie Jazz-Standards, wo solche Neufassungen gang und gäbe sind. Vom Kontrabass ist Tschoepe dafür auf die Viola da Gamba umgestiegen. Hanna Carlson übernimmt den Gesang, auch sie kommt aus der Jazzmusik. Düker hingegen ist Alte-Musik-Experte, er hat sich jetzt intensiv mit jazzigen Arrangements für die Erzlaute beschäftigt, „ich muss mir ganz neue Spieltechniken aneignen“, sagt er und ist gespannt, welches Publikum die Musiker mit dieser Stil-Melange anziehen.

Ähnliches hatte Popstar Sting vor einigen Jahren gewagt, der zusammen mit dem Lautenisten Edin Karamazov ein John-Dowland-Album aufgenommen hat – allerdings abgesehen von Stings markanter, am Popgesang geschulter Stimme, klassischer, nicht angejazzt.

Beim Titel „Time Stands Still“ hat das Ensemble CarlSong zum Beispiel schwebende Sounds geschaffen, es gibt quasi keinen Rhythmus, das Arrangement soll wirklich spürbar machen, was der Text sagt: das Gefühl, die Zeit stehe still beim Betrachten eines geliebten Menschen.

Düker ist begeistert von der „großartigen Sprache“ der Lieder, die voller Rätsel steckten. Zum Beispiel, wenn ein Liebeslied sich als Huldigungen der Queen entpuppt. „Elisabethanische Melancholie“ lautet nicht umsonst ein Fachbegriff zu dieser künstlerisch lebendigen Epoche, in der sich die Dichter schwelgerisch ihrer Schwermut hingegeben haben. „Das war damals Mode am Hof, ich vergleiche das immer ein bisschen mit der leicht deprimierten, aber ungemein kreativen Fin-de-Siècle-Stimmung an der Wende zum 20. Jahrhundert“, sagt Düker, der in Kassel bei Wolfgang Lendle studiert hatte.

Wenn dereinst das Dowland-Projekt in Konzerten vorgestellt werden kann, sollen die Gedichte auch im Original und in Übersetzung zitiert werden, damit die Sprachkraft wirken kann. (Bettina Fraschke)

startnext.com/carlsong Songs auch auf dem YouTube-Kanal von Andreas Düker

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