Warum der Schriftsteller und Gefängnis-Seelsorger Wilhelm Speck in Vergessenheit geraten ist

Schriftsteller Wilhelm Speck - „Ein rettungsloser Romantiker“

Postkarte aus der Geburtsstadt: In Großalmerode wurde das Andenken an Wilhelm Speck lange hochgehalten, etwa mit „Joggeli“-Feiern. Inzwischen ist aber auch das Geburtshaus längst abgerissen. Repros: Waldeck

Kassel. Wilhelm Speck, der heute vor 150 Jahren geboren wurde, war Anfang des 20. Jahrhunderts ein Schriftsteller-Star, eine literarische Institution. Im Geburtsort Großalmerode, wo der Gefängnisseelsorger Ehrenbürger war, und in Kassel sind ein Platz und eine Straße nach ihm benannt.

Die Stadt Kassel stiftete ihm auf dem Wehlheider Friedhof ein Ehrengrab. Er war Träger des Roten Adlerordens, die Universität Marburg beeilte sich 1911, Berlin mit der Ehrendoktorwürde zuvorzukommen. Doch nach seinem Tod 1925 wurde Speck bald vergessen. Woran liegt das? Und wer war Wilhelm Speck überhaupt?

Karl Waldeck hat zusammengetragen, was über Speck in Erfahrung zu bringen ist. Diese Spurensuche des Leiters der Evangelischen Akademie Hofgeismar hat biografische Gründe. Als Kind hörte Waldeck bei Verwandten in Orferode im Meißner-Vorland die Geschichte vom „Joggeli“, an den am Dohlsbachbrunnen eine Linde erinnerte. Irgendwann wollte es der Pfarrer genau wissen, las er die Idylle von 1907 über einen jungen Mann, der ein Leben in Armut als Waldarbeiter mit der geliebten Magdalene der geplanten reichen Heirat vorzieht („ein ganz amüsantes Lesevergnügen“) und stieg in die Recherche ein.

„Menschen, die den Weg verloren“ - mit diesem Buchtitel Specks lasse sich dessen Ansinnen als Seelsorger und Autor auf den Punkt bringen, so Waldeck. Er war zu einer Zeit in den „Zuchthäusern“ tätig, als psychologische Aspekte erstmals in Betracht gezogen wurden, als der Sinn von Strafe, Resozialisierung und Prävention neu diskutiert wurde. Auch Speck, der die Gabe einfühlsamer Wahrnehmung besaß, will Verständnis wecken für Menschen in Krisen, für Delinquenten, die nicht in der Summe ihrer Untaten allein aufgehen. Er plädiert für die menschenwürdige Unterbringung von Straftätern.

Literarisch war Speck jedoch - verglichen etwa mit dem Zeitgenossen Gerhart Hauptmann - ein Nachfahre, ein konservativer Epigone, sagt Waldeck, der die Urlaubslektüre des 400-seitigen „Zwei Seelen“ als Kraftakt empfand. Hier verband Speck Themen des Strafvollzugs mit der Form des Entwicklungsromans. „Er wollte zu viel“, sagt Waldeck: rechtsphilosophische Traktate, unglaubwürdige Läuterung des Heldens, die Natur als Spiegel der Seele - „das macht ihn heute unzeitgemäß. Die Zeitgenossen hat es elektrisiert“.

Dass Speck - dieser „rettungslose Romantiker“ - bereits „etwas aus der Zeit gefallen“ war, ist für Waldeck der erste Grund, warum ihn niemand mehr kennt. „Ihm fehlte das Knarzige eines Raabe und die Grandezza eines Heyse“, zwei Autoren, mit denen er korrespondierte. Der zweite Grund ist „die Tragik seines Lebens“: Mit 50 Jahren erlitt Speck einen körperlichen und seelischen Zusammenbruch, heute würde man sagen: ein Burn-out. Er veröffentlichte nichts mehr.

Der dritte Grund: Die wohlmeinenden Freunde, die Specks Andenken hochhielten, reduzierten ihn wegen seiner humorvollen Schnurren und Anekdoten auf einen hessischen Regionaldichter. Das führte zu einer Provinzialisierung des Blicks, die Specks pädagogischen Zielen einer Justizreform nicht gerecht wurde. Karl Waldeck, der eine Publikation mit einer Einführung, der „Joggeli“-Geschichte und einem programmatischen Text Specks plant, hält am Montag, 11. Juli, 19.30 Uhr, im Rathaussaal Großalmerode einen Vortrag zu Speck. Mit musikalischem Programm, Eintritt frei.

Von Mark-Christian von Busse

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