Eine unglaubliche Überlebensgeschichte: Chaim Segal berichtet über Ghetto, Lager und Verstecke

Einblicke in das Grauen der Hölle

Einziges Bild der Mutter.

Chaim Segal erträgt nicht, Wiener Walzer zu hören. Wenn der in Toronto (Kanada) lebende frühere Bauunternehmer Walzerklänge vernimmt, denkt er ans Lagerorchester, das im KZ Janowska bei Lemberg aufspielen musste, während Menschen zu Tode gequält wurden. Arbeitskolonnen wurden an Fässern vorbeigetrieben, in denen Häftlinge kopfüber ertränkt wurden.

Die Passage in seiner Autobiografie ist ein rarer Moment, in dem Segal spüren lässt, wie sehr er noch nach Jahrzehnten unter seinen Erlebnissen vom Einmarsch der Wehrmacht in seine Heimatstadt Boryslaw im ehemaligen Polen 1941 bis zur Befreiung im August 1944 zu leiden hat. Als 12- bis 15-jähriger Junge galt sein einziger Gedanke im Ghetto, in Lagern, in Dachverschlägen, Bunker- und Waldverstecken dem unmittelbaren Überleben, das heißt vor allem: Nahrung aufzutreiben.

Jahrzehnte habe er nur seiner Frau erzählen können, schreibt Segal. Seine Mutter aber hatte ihn im Sterben beschworen: „Einer muss übrig bleiben, einer muss erzählen, was geschehen ist!“ Nun will er die Erinnerung an die Ermordeten wachhalten. Seine Nachkommen, die er lange nicht mit seinen Albträumen verstören wollte, sollen Bescheid wissen, um die Zukunft friedlicher zu gestalten.

Dass wir von Segals unfassbarem Überleben erfahren, ist auch das Verdienst des Hofgeismarer Geschichtsvereins. In einem Lager für jüdische „Displaced Persons“ in Hofgeismar schöpfte Segal 1946 Hoffnung, dort wurde seine Halbschwester geboren. Sie nahm Kontakt zu Julia Drinnenberg auf, die Segals Bericht aufgezeichnet, redaktionell bearbeitet, mit Quellen abgeglichen hat. Ein Hoffnungszeichen liegt in dieser herzlichen Kooperation der Deutschen mit dem jüdischen Überlebenden.

Was Segals nüchternen, außergewöhnlichen Bericht so ergreifend macht, ist gerade der Kontrast der unbekümmerten, heilen Kindheit, die er ebenfalls schildert, zu den Höllenqualen unter deutscher Besatzung (und bereitwilliger, tätiger Mithilfe polnischer Antisemiten und ukrainischer Milizen). Der kleine Chaim ist geborgen in einer großen (für den Leser mitunter verwirrend großen) Familie, deren Mitglieder fast alle nach und nach auf grausame Weise zu Tode kommen. Wenn immer man Hoffnung schöpft, wird diese sogleich enttäuscht. Monatelang beispielsweise kann der Junge mit älteren Beschützern 30 Versteckte in einem Bunker versorgen, darunter seine Mutter. Ein einziges Mädchen überlebt.

Segal berichtet von unvorstellbar sadistischen Taten, aber er erzählt auch dankbar von Namenlosen, die ihm schwere Arbeit abnahmen, ihm mit einem rettenden Stück Brot weiterhalfen.

Chaim/Imek Segal: Chaim heißt Leben. Redaktion Julia Drinnenberg. Die Geschichte unserer Heimat Band 55, hrsg. v. Verein f. hessische Geschichte und Landeskunde, Zweigverein Hofgeismar, 136 S., 12,50 Euro, Wertung: !!!!!

Von Mark-Christian von Busse

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