Oskar Pastiors Securitate-Verstrickung macht seine Freunde fassungslos

Eine Akte zum Gruseln

Oskar Pastior

Wenn Oskar Pastior noch leben würde, dann, so hat es die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller der FAZ gesagt, würde sie bei jeder Begegnung darauf insistieren, „dass er seine Akte lesen und selbst darüber schreiben soll. Aber jedes Mal würde ich ihn dabei in den Arm nehmen.“

Sein Verleger Michael Krüger, in dessen Wohnung Pastior nach seiner Ausreise aus Rumänien 1968 Zuflucht fand, beharrt: „Ich kann nicht glauben, dass er irgendeinen Bericht geschrieben haben könnte, der einen Kollegen ans Messer geliefert hat. Er bleibt mein Freund Oskar.“

Dass sich der rumäniendeutsche Lyriker 1961 verpflichtet hat, als „Otto Stein“ dem Geheimdienst Securitate als Informant zu dienen, wie es der Münchner Germanist Stefan Sienerth herausgefunden hat, ist ein Schock - besonders für alle, die Pastior nahestanden.

Gerade Herta Müller, die in ihrem Roman „Atemschaukel“ Pastiors Deportation nachgezeichnet hat, hat oft beklagt, dass rumäniendeutsche Autoren ihre Geheimdienst-Verstrickungen verschweigen. Noch vorigen Donnerstag hat sie bei einer Lesung geklagt: „Sie versuchen alles zu leugnen.“ Vor dem Verzeihen müssten aber „die Dinge geklärt werden, die betreffende Person muss wenigstens sagen, dass es ihr leid tut, sie muss sagen, was sie getan hat und nicht leugnen bis zum Geht-Nicht-Mehr“.

Pastior, 2006 gestorben, kann sich nicht mehr erklären. „Erschrecken, auch Wut“, habe sie empfunden, sagte die 57-Jährige der FAZ, „es war eine Ohrfeige“. Die zweite Reaktion sei Anteilnahme gewesen, und angesichts der Einzelheiten, die Sienerth und der rumäniendeutsche Schriftsteller Ernest Wichner aufdeckten und die sie „gruseln“ ließen, verwandele sie sich in Trauer.

Zugutegehalten wird Pastior, dass ihn seine Akte „von allen Seiten umzingelt“ zeigt, so Müller, dass er bespitzelt und erpresst wurde. Und: Bislang wurde ein einziger denunziatorischer Bericht entdeckt. „Vielleicht hat er sich ganz passiv verhalten“, hofft sie, „aussteigen konnte er ja nur um den Preis der Verhaftung.“

Zudem hat er 1968, nach seiner Ankunft im Westen, seine IM-Tätigkeit den deutschen Behörden offenbart, wie man inzwischen weiß. „Er musste diese zerstörerische Fracht loswerden, um frei zu atmen, um mit sich selbst neu zu beginnen.“ Fortan schwieg er, auch gegenüber seiner Vertrauten Müller. Sie bekräftigt, sie müsse sich von Pastior nicht distanzieren: „Ich habe einen Menschen weiter so lieb, wie ich ihn vorher hatte.“ (mit dpa)

Von Mark-Christian von Busse

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