Wie der chinesische Autor, der sich nach Deutschland absetzte, seine Gefängniszeit beschreibt

Liao Yiwu zeigt eine andere Geschichte Chinas

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Schrieb das Buch über seine Haft immer wieder neu: Autor Liao Yiwu.

Als der chinesische Autor Liao Yiwu sich vor zehn Tagen nach Deutschland abgesetzt hatte, stand die Veröffentlichung seines Buches über seine vierjährige Haftzeit unmittelbar bevor. Heute kommt der schockierende Gefängnisbericht „Für ein Lied und hundert Liederin“ in die Buchhandlungen.

Nach dem Blutbad am Platz des Himmlischen Friedens im Jahr 1989 war Liao Yiwu zu vier Jahren Haft verurteilt worden, weil er ein Gedicht mit dem Titel „Massaker“ verfasst und es per Tonband im Untergrund veröffentlicht hatte. Was in seinem Erinnerungsbuch beschrieben wird, ist ein Albtraum. In der Untersuchungshaft herrschen gewalttätige Zellenfürsten mit ihren Anhängern über eine sklavenähnliche Belegschaft. Die Insassen werden mit perfiden Foltermethoden von den Zellenmafiosi auf Linie getrimmt.

Die Wächter machen vom elektrischen Schlagstock viel und gern Gebrauch, und der Entzug jeglicher Privatsphäre führt zum Gefühl des Ausgeliefertseins und der menschlichen Entwürdigung.

Dabei darf der politische Gefangene Liao Yiwu mit keinerlei Privilegien rechnen. Der sogenannte Konterrevolutionär wird mit Mördern und Räubern in eine Sammelzelle gesteckt. Und er hat Glück, wenn einer der Zellengenossen ihm, dem Dichter, aus Pietätsgründen den Latrinendienst abnimmt.

So etwas kommt nicht oft vor, aber es genügt, um die Moral aufrechtzuerhalten. Und Liao Yiwu lernt etwas für sein Leben: Er hört den Erzählungen dieser rohen Männer zu und erkennt, dass er mitten in die wahre Geschichte des Lebens geraten ist. Hier ist der Stoff für eine andere Geschichte Chinas.

In Zukunft wird sich der eher elitäre Dichter Liao Yiwu den einfachen Menschen zuwenden und als Reporter über sie schreiben. Damit ist zwar ein Dichter gestorben. Aber was das Strafziel betrifft, so hat die Umerziehung durch Arbeit nichts gefruchtet, im Gegenteil.

Liao Yiwu hat sich auch nicht gebeugt, als die Sicherheitsbehörden mehrfach das Manuskript dieses Gefängnisbuches konfiszierten. Also schrieb Liao Yiwu seine Geschichte wieder und wieder. Am Ende wurde das mehrfach geschriebene Gefängnisbuch ins Ausland geschmuggelt.

Auch ein direktes Wort an die Machthaber findet sich in seinem Buch: „Ich kann keine Regierung akzeptieren, die aus Henkern besteht, die blutige Zwischenfälle heraufbeschwört und dann auch noch ständig Lügen verbreitet und die Wahrheit verdreht - also sitze ich, und ich habe es verdient.“

Liao Yiwus Buch ist ein Zeugnis politischen Mutes und persönlicher Integrität, wie sie zu allen Zeiten gefordert sind. Nicht nur in China.

Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. S. Fischer, 540 Seiten, 24,95 Euro, Wertung: !!!!:

Von Martin Zähringer

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