Kasseler Student drehte Dokumentationüber Zwangsarbeit - Matinee im Bali

Erfolgsgeschichte aus der Kasseler Universität 

Kehrt zurück nach Bayerisch-Schwaben: Der frühere französische Internierte Henri Sellier. Foto:  nh

Kassel. Der Wirt der Schnuttenbacher Dorfkneipe Bürgerstüble ruft immer mal wieder bei Filmemacher Thomas Majewski an und erzählt ihm, dass gerade wieder holländische Gäste im Ort sind - auf den Spuren ihrer Vergangenheit als Zwangsarbeiter und auf den Spuren eines Dokumentarfilms, der nicht nur in dem bayerisch-schwäbischen Dorf im Landkreis Günzburg für nachhaltiges Aufsehen gesorgt hat.

Thomas Majewski hat „Verborgen in Schnuttenbach“ gedreht und dafür beim Kasseler Dokumentarfilm- und Videofest den Goldenen Herkules gewonnen. Vor wenigen Tagen schloss er an der Kasseler Kunsthochschule sein Examen ab - bei Vertretungsprofessor Klaus Stern.

Jetzt geht der 37-Jährige mit dem ebenso anrührenden wie aufrüttelnden Dokumentarfilm auf Kinotour durch Deutschland - am Sonntag, 12 Uhr, ist das Werk in einer Matinee im Kasseler Bali-Kino zu erleben.

Majewski ist sein eigener Filmverleiher - und das sehr erfolgreich: Schon 4400 Besucher kamen. Von der Hessischen Filmförderung hat er deshalb für die Kinotour eine Unterstützung von 2000 Euro erhalten und ist für den Hessischen Hochschulfilmpreis nominiert, der nächste Woche vergeben wird. Er ist außerdem sein eigener Vermarkter und pädagogischer Berater: Majewski hat sein ambitioniertes Projekt zu einem Vollzeitjob gemacht, der ihm momentan einigermaßen ein Auskommen sichert. Eine Erfolgsgeschichte aus der Kasseler Universität.

Schwerpunkt seiner Aktivitäten ist die Zusammenarbeit mit Schulen. Aktuell erarbeitet er Unterrichtsmaterial, das er künftig Lehrern für den Filmbesuch zur Verfügung stellen wird.

Mit der Dorfchronik zur 700-Jahr-Feier Schnuttenbachs fing alles an. Darin erfuhr Thomas Majewski zum ersten Mal, dass es dort ein großes Internierungslager gegeben hat. In seiner Kindheit und Jugend hat nie jemand darüber gesprochen. Im Gemeindeblatt startete er einen Aufruf, auch der Pfarrer hat in der Messe Majewskis Anliegen verbreitet. Und dann hat er Kameramann Olaf Saumer mitgenommen und die Menschen erzählen lassen.

Der Dokumentarfilm ist ein Langzeitprojekt, von 1999 an hat Majewski elf Jahre lang immer wieder gedreht. Er hat ehemalige Zwangsarbeiter zurückgeholt, etwa den Franzosen Henri oder den Niederländer Jos, der in einem der vielen Gänsehautmomente des Films die ehemalige Fabrik betritt und sagt: „Ich stehe hier als freier Mann.“ Ein Dorf enthüllt seine Vergangenheit - und das schafft Majewski durch seine liebevolle Zugewandtheit den Bewohnern gegenüber, durch die bewusst subjektive Form mit ihm selbst als schwäbelnden Ich-Erzähler aus dem Off. Aus 300 Stunden Material hat Majewski die 116 Filmminuten zusammengestellt.

Nächster Plan ist der Verleih in Frankreich und den Niederlanden.

„Verborgen in Schnuttenbach“, Matinee am Sonntag, 12 Uhr, Bali-Kino, Kulturbahnhof, Kartentelefon: 0561/71 05 50.

Von Bettina Fraschke

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