Hans Joachim Schädlichs Novelle „Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II.“

Wie eine ausgepresste Orange

Moderne Interpretation: Andy Warhols Bild „Friedrich der Große“ von 1986. Foto:  dpa

Hans Joachim Schädlich gehört zu den unterschätzten Autoren des deutschen Sprachraums. Dabei versteht es der 76-jährige Autor meisterlich, komplexe Sachverhalte durch radikale sprachliche Reduktion auf schmale Buchumfänge zu komprimieren. Diese stilistische Finesse zieht sich wie ein roter Faden durch Schädlichs Oeuvre – von „Versuchte Nähe“ (1977) bis „Kokoschkins Reise“ (2010). Nun legt der ausgebildete Sprachwissenschaftler, der 1977 aus der DDR in den Westen übergesiedelt ist, eine pointierte Novelle vor, die es in ihrer Substanz mit opulenten Biografien und wissenschaftlichen Abhandlungen aufnehmen kann.

Schädlich widmet sich dem Verhältnis zwischen Friedrich II., dessen 300. Geburtstag am heutigen Dienstag begangen wird, und dem 18 Jahre älteren französischen Universalgenie Voltaire (1694-1778).

Zwei eitle Größen ihrer Zeit treffen aufeinander, und zwischen ihnen steht die französische Adlige Emilie du Chatelet. Schädlich rekonstruiert anhand der historischen Quellen, wie sich das Verhältnis zwischen dem großen französischen Aufklärer Voltaire (seit dem ersten Brief 1736 und dem Zerwürfnis 1753) und dem preußischen König Friedrich II. entwickelt hat.

Voltaire lebt zu Beginn mit der hochgebildeten Mathematikerin Emilie auf deren Schloss in einem eheähnlichen Verhältnis. 1749 wird Emilie schwanger und stirbt. Für den Philosophen ist dies der Impuls, seine Heimat zu verlassen, ein neues Leben zu beginnen und Friedrichs Ruf nach Potsdam zu folgen. Doch der Regent benutzt Voltaire nur als prestigeträchtiges Vorzeigeobjekt. Zweieinhalb Jahre lebte Voltaire ab 1750 an Friedrichs Hof, sein Bild vom Monarchen änderte sich radikal.

Der machtbesessene Regent täuschte lediglich Kunstsinnigkeit und Liberalität vor, war aber ein gewiefter, egoistischer Stratege: „Ich brauche ihn höchstens noch ein Jahr. Man presst eine Orange aus und wirft die Schale weg“, spottete er über Voltaire. Die beiden entzweien sich.

In Schädlichs stilistisch ausgefeilter historischer Novelle geht es vor allem um den Spagat zwischen aufklärerischer Philosophie und kühler strategischer Politik. Mit dieser Unvereinbarkeit musste der Autor einst in der DDR selbst leben. Dass Schädlichs Sympathien beim Verfassen dieses Textjuwels dem „Candide“-Verfasser gehörten, ist deutlich zu spüren, kann aber auch nicht wirklich überraschen. Wohl aber die Tatsache, dass diese 141 Seiten umfassende Novelle den Leser derart stark gefangen nimmt, dass man am Ende glaubt, die beiden Größen des 18. Jahrhunderts persönlich zu kennen. Das schafft nur große Literatur.

Hans Joachim Schädlich: Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II., Rowohlt, 141 Seiten, 16,95 Euro, Wertung: !!!!!

Von Peter Mohr

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