Eine Band zum Neuverlieben: Das neue Album von Tocotronic

So gut wie lang nicht mehr und am 31. Juli zu Gast im Kasseler Kulturzelt: Die Indierock-Band Tocotronic mit (von links) Schlagzeuger Arne Zank, Sänger Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Gitarrist Rick McPhail. Foto: Petersohn

Seit 20 Jahren sind Tocotronic die wichtigste deutschsprachige Band. Zuletzt machte es das Quartett selbst hartgesottenen Fans schwer. Mit dem neuen Album kann man sich neu verlieben.

Vor zwei Jahren schrieb ich einen Text, der mir fast das Herz brach. Es ging um meine Lieblingsband Tocotronic, die damals zu meiner ehemaligen Lieblingsband wurde. Das Album „Wie wir leben wollen“ war für mich „verschwurbelter Psychedelic-Mist, der so klugscheißerisch daherkommt wie ein schlechtes documenta-Kunstwerk“. Über meine Abrechnung schrieb ich: „Ich will nichts mit euch zu tun haben.“ Aus einem Tocotronic-Song von 1997.

Nun muss ich das Hamburger Quartett mit einer Zeile aus dem 20 Jahre alten Stück „Ich wünschte, ich würde mich für Tennis interessieren“ erneut zitieren: „Doch ich muss meine alte Meinung revidieren.“ Das hat mit dem „Roten Album“ zu tun. Es erscheint bezeichnenderweise am 1. Mai, zeigt auf dem Cover das „Rote Quadrat“ des russischen Malers Kasimir Malewitsch (1879-1935) und handelt von der größten Revolution: der Liebe. Die zwölf klugen Lieder sind ungewohnt poppig und süß, aber nie kitschig. „Das Rote Album“ ist das beste Tocotronic-Werk seit „Kapitulation“ (2007) und ruft noch einmal in Erinnerung, warum die Band so wichtig war, nein, ist.

Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank (sowie der 2005 dazugekommene Gitarrist Rick McPhail) kommen aus dem Postpunk. Mit ihrem 1995 erschienen Debüt „Digital ist besser“ begründete die Hamburger Band ungewollt eine Jugendbewegung.

Ihre Fans trugen die gleichen Trainingsjacken und Frisuren, gründeten eigene Gitarrenschrammelrock-Bands, und „FAZ“-Redakteure schmuggelten die Slogans der genialen Pop-Prosa jahrelang als Überschriften ins Blatt. Doch irgendwann ging es im Diskursrock von Tocotronic um Dämonen und Geister. Die Texte konnte man nur noch nach einem Philosophiestudium verstehen - wenn überhaupt.

„Wir wollen in unseren Zimmern liegen und knutschen, bis wir müde sind.“

Auf dem „Roten Album“ mit seinen schwebenden Melodien ist das wieder anders. In „Haft“ singt von Lowtzow mit seiner beeindruckend dunklen Stimme: „Ich hafte an dir / Wie Tinte auf Papier / Wie ein Sticker an der Tür“, was kein Verweis auf Foucault oder Dostojewski ist, sondern auf Marianne Rosenberg („Er gehört zu mir“). In der Single „Die Erwachsenen“, deren Keyboard-Sound an New Order und Joy Division erinnert; heißt es: „Man kann den Erwachsenen nicht trauen.“ Tocotronic gehören längst zum Pop-Kanon, sind aber immer noch dagegen - in diesem Fall gegen eine Welt aus Mauern, die die Erwachsenen bauen. Dann lieber „knutschen, bis wir müde sind“.

Manchmal geht es auch um Politik - wie schon in der Oper „Von einem, der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte“, die von Lowtzow mit René Pollesch zuletzt für die Berliner Volksbühne schrieb. Vor allem aber singen Tocotronic über Liebe in all ihren Variationen, ohne etwas über sich zu verraten. Über ihr Privatleben reden die Musiker grundsätzlich nicht.

Nur ein Lied über Sex fehlt. Das ist auch gut so. Schon 1995 stellte von Lowtzow fest: „Über Sex kann man nur auf Englisch singen.“ Ich jedenfalls liebe Tocotronic wieder.

Tocotronic: Das Rote Album (Universal). Wertung: vier von fünf Sternen 

Tocotronic spielen am 31. Juli im Kasseler Kulturzelt. Tickets gibt es beim HNA-Kartenservice, 0561/203-204. 

Die Band

Gegründet: 1993 in Hamburg von den damaligen Studenten Dirk von Lowtzow (Gitarre, Gesang), Jan Müller (Bass) und Arne Zank (Schlagzeug). 2005 stieß US-Gitarrist Rick McPhail dazu.

Beste Songtitel: „Digital ist besser“, Wir sind hier nicht in Seattle, Dirk“, „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“, „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“, „Alles was ich will, ist nichts mit euch zu tun haben“

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