Für ihre Ausstellung in Berlin hat d13-Teilnehmerin Mariana Castillo Deball in Museumsarchiven gekramt

Eine Biografin der Dinge

Spurensuche in Depots und Archiven: Blick in die Ausstellung von Mariana Castillo Deball in der ehemaligen Ankunftshalle des Hamburger Bahnhofs in Berlin. Fotos: Staatliche Museen

Berlin. Auf jedes Kunstwerk, das gezeigt wird, kommt ein Kunstwerk, das nicht gezeigt wird. Auf jede Ausstellung, die man sieht, kommen unzählige Ausstellungen, die nie das Licht der Museumswelt erblicken.

Diese Dimension des Kunst-Zeigens, die Macht von Institutionen, ein Werk sichtbar oder unsichtbar zu machen, beschäftigt die Künstlerin Mariana Castillo Deball (39). Für ihre Ausstellung „Parergon“ (Beiwerk, Anhänge) im Hamburger Bahnhof hat sie Depots und Archive der Staatlichen Museen zu Berlin durchforstet und einige dieser unsichtbaren Objekte an die Oberfläche geholt.

Wie schon auf der documenta 13 in Kassel setzt sich die Mexikanerin in Berlin mit der Biografie von Dingen auseinander. In der ehemaligen Ankunftshalle des Hamburger Bahnhofs treffen sich nun so unterschiedliche Objekte wie ein verlassener Rollstuhl, die explodierte Feuerbüchse einer Lokomotive und ein Bronzeguss von Arno Breker aus dem Jahr 1935. Erst der Audioguide, den Castillo Deball selbst konzipiert hat, fügt die Exponate zu faszinierenden Geschichten zusammen.

Der Rollstuhl ist eine exakte Nachbildung des Gefährts, mit dem 1989 das Gemälde „Der arme Poet“ von Carl Spitzweg aus der Neuen Nationalgalerie gestohlen wurde - dasselbe Gemälde, das der Künstler Ulay 1976 als künstlerische Intervention in eine Kreuzberger Migrantenwohnung entführte. Die Feuerbüchse führt den klinisch weißen Kunstraum zurück zum Ursprung als Bahnhof voller Rauch, Motoren und Maschinen. Brekers Bronzeskulptur ist ein Abguss der Totenmaske von Max Liebermann - hier nimmt sich also einer der bevorzugten Künstler des NS-Regimes des Antlitzes eines jüdischen Künstlers an, dessen Beerdigung 1935 von der Gestapo gesprengt wurde. All diese Geschichten verwebt Castillo Deball zu einer facettenreichen Erzählung über die Brüche im Leben von Kunstwerken und -räumen.

Dabei gibt es viel zu sehen und zu lernen, allerdings gehen die akribische Recherche der Künstlerin und der selbstsichere Audioguide auf Kosten einer offenen Auseinandersetzung mit den Objekten. Zwischen so vielen Fakten bleibt kaum Raum für eigene Verbindungen.

Die Ausstellung ist ein Teil des Preises der Neuen Nationalgalerie, der Castillo Deball im Januar verliehen wurde. Auch darin liegt bei genauerem Hinschauen eine spannende Geschichte. Die Staatlichen Museen zu Berlin, die die Ausstellung zusammen mit BMW finanziert haben, bezeichnen den Ansatz der Künstlerin im Werbevideo vergnügt als „museumskritisch“, doch die Kritik an der Deutungshoheit der Museen spielt sich genau in deren Wänden und Bedingungen ab. Das ist kein Einzelfall, und natürlich ist Kramen in den Archiven ohne die Unterstützung der Institutionen nur schwer möglich. Aber einer Ausstellung, die so stark auf Erzählungen und Verknüpfungen setzt, hätte eine Fußnote zu diesem Konfliktfeld sicher gut getan.

„Parergon“, bis 1.3., Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50-51. www.smb-museum.de

Von Saskia Trebing

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