Das Private wird öffentlich: Marbacher Literaturarchiv zeigt die Ausstellung „Ich liebe Dich“ in der Literatur

Eine Bühne fürs große Gefühl

Handgeschriebenes Bekenntnis: Dichter Gottfried Benn in einem Brief 1954 an seine Ehefrau: „Ich liebe Dich von Herzen“. Foto: Literaturarchiv/ nh

Marbach. In Zeiten dauernder und an Peinlichkeit kaum zu überbietender Entäußerungsbereitschaft größerer Teile der Gesellschaft hat sich nun auch eine Ausstellung dem Ziel verschrieben, Privates öffentlich zu machen. „Ich liebe Dich!“ ist sie ranschmeißerisch betitelt. Doch halt, im Marbacher Literaturmuseum der Moderne geht es um Dichtung. Und die B-Promis sind eindeutig in der Minderheit.

Es mag sein, dass dauerhaft hohe Scheidungsraten auf der einen Seite und auf der anderen medial vermarktete Emotionsentladungen, bei denen das Verfallsdatum gleich mitgeliefert wird, dazu geführt haben, dass einem ‚Ich liebe Dich’ das Zweifelhafte bereits eingeschrieben zu sein scheint. Das war mal ganz anders - Mitte des 18. Jahrhunderts etwa. In dieser Zeit entwickelte sich die freie Partnerwahl und das Ideal der wahren Liebe. Das blieb jedoch oft unerreichbar, siehe Goethes „Werther“.

Der Dichter selbst wollte sich damit nicht abfinden: „Die Liebe gibt mir alles und wo die nicht ist, dresch ich Stroh“, buhlte er in einem seiner 1700 Briefe an Charlotte von Stein. ‚Ich liebe Dich’, eine scheinbar unmissverständliche Erklärung, jedoch mit vielen Gesichtern. Auch dafür ist Goethe ein Gewährsmann, heißt es doch im „Erlkönig“: „Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,/ Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“

Hinter rosaroten Acrylglasscheiben hängen in der Austellung intime Bekenntnisse, Gedrucktes, Handgeschriebenes und Getipptes. Man erfährt von tatsächlicher großer Liebe, aber auch von Lüge und schließlich von der Zuneigung zu sich selbst. In „Die schönste Art zu sagen: Ich liebe mich“, zeichnet Robert Gernhardt einen älteren Herren, der sich einen Schnaps einschenkt. Gelebtes Leben trifft auf Fiktion. Clemens Brentano schreibt an seine spätere Frau Sophie Mereau: „Seit ich Dich liebe, sind alle Gestern verloren.“ Besondere Tragik entwickeln solche Zitate, wenn man das biografische Umfeld mitliest: Sophie starb kurze Zeit später im Kindbett. Gegen den hymnischen Ton der Liebeserklärung wendete sich Hermann Hesse in einem frühen Gedicht: „Ich sage nicht: Ich liebe dich./ Ich sage nur: gib mir die Hand/ Und dulde mich!“

Auch von Schwerenötern wie Kurt Tucholsky ist zu lesen, der erst spät die Qualitäten seiner geschiedenen Frau entdeckt hat: „Hat einen Goldklumpen in der Hand gehabt und sich nach Rechenpfennigen gebückt.“ Von Gottfried Benn ist reumütige Einsicht nicht überliefert. Der Dichter heuchelte genau an dem Tag, an dem er mit einer Geliebten feierte, seiner Frau in einem Brief: „Ich liebe nur Dich.“

An Kafkas unerfüllte Liebe zu einer verheirateten Journalistin wird erinnert, man steht betroffen vor den Zeilen von Friederike Mayröcker, die sich erinnert, wie sie am Sterbebett ihres Gefährten Ernst Jandl unter Tränen dachte, „ich liebe dich“.

Die meisten Exponate der kleinen „Geschichte von drei Worten“, wie Kuratorin Heike Gfrereis ihre Schau nennt, wurden während langer Studien in den im Marbacher Literaturarchiv verwahrten Nachlässen gefunden. Darüber hinaus bat man lebende Autoren um Beiträge. „Die ‚hohe’ Liebe lässt sich zwar nicht lange leben, macht das Leben aber erträglich.“ Da werden wohl die meisten Hermann Broch zustimmen.

Bis 29. Januar; Literaturmuseum der Moderne in Marbach am Neckar; Infos unter: 07144/8480

Von Ulli Traub

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