Eine Deutsche erobert mit dem Tango Argentinien

Traumpaar: Nicole Nau und ihr Partner Luis Pereyra gastieren mit ihrer Company am 14. Januar in Kassel. Foto: Gockisch/nh

Vor 26 Jahren wollte Nicole Nau eigentlich nur Urlaub machen in Argentinien. Heute ist die deutsche Tangotänzerin dort ein Star. Nun tourt sie mit ihrem Mann und ihrer Company durch ihre Heimat.

Als Nicole Nau vor einigen Jahren in Buenos Aires in ein Postamt ging, um eine Briefmarke zu kaufen, dauerte das länger als sonst. Die deutsche Tangotänzerin, die seit 1988 in Argentinien lebte, wollte nicht irgendeine Marke, sondern die, auf der sie selbst war. Man muss sich nur mal vorstellen, was in Berlin los wäre, wenn Lionel Messi, der argentinische Fußball-Weltstar, zur Post käme, um eine deutsche Briefmarke mit seinem Porträt zu kaufen.

In Argentinien ist Nau sogar auf zwei Briefmarken. Im Postamt ließ man sie damals nicht gleich wieder gehen, sondern führte sie zum Direktor, der sie beglückwünschte. Eine Deutsche, die eine der besten Tangotänzerinnen der Welt ist und die Seele der Argentinier berührt - das ist ein modernes Märchen, in dem es um eine große Liebe, aber auch schwere Schicksalsschläge geht. Derzeit tourt die 51-Jährige mit ihrem Ehemann Luis Pereyra, der als Fred Astaire Argentiniens gilt, und der eigenen Company durch ihre alte Heimat und gastiert am 14. Januar auch in der Kasseler Stadthalle.

Die Geschichte der Tangotänzerin Nicole Nau beginnt 1988. Zwei Jahre nachdem sie mit dem Tanzen begonnen hat, reist die 25-jährige Düsseldorferin nach München, um ein Gastspiel von Pereyra zu sehen. Sie sitzt in der dritten Reihe, staunt und verbringt wenig später sechs Wochen Urlaub in Argentinien, wo sie einen Tangokurs belegt. „Am Ende wusste ich, dass ich mein altes Leben nicht mehr leben kann“, sagt die Grafikdesignerin. Sie kündigt Job und Wohnung in Düsseldorf, ihre Sachen stellt sie bei ihrer Mutter unter.

Anschließend tourt sie mit einer Tango-Gruppe durch Kanada. Die Profis nehmen die Späteinsteigerin nicht für voll, und trotzdem bucht Nau den Rückflug um: Statt nach Deutschland geht es nach Buenos Aires. Dort wird der Tango gerade wiederentdeckt, wofür vor allem Pereyra verantwortlich ist. Der im armen Norden aufgewachsene Sohn eines Wanderarbeiters tanzt, seitdem er fünf ist. Mit seinen Choreografien tourt er durch die ganze Welt, er bringt Lady Diana im Buckingham Palace den Tango bei und erhält einen Tony Award, den Oscar der Theater- und Musical-Welt.

Ein Tanz der armen Leute

Nau und Pereyra werden ein Paar. Sie lernt von ihm, dass Tango noch mehr verlangt als Training, Disziplin und Musikalität: „Um ihn zu verstehen, muss man in die Kultur des Landes eintauchen.“ Entstanden ist der Tanz, der zum Unesco-Welterbe zählt, Ende des 19. Jahrhunderts in den Armutsvierteln von Buenos Aires, wo die Einwanderer in der Melancholie von Geige, Akkordeon und Gitarre Trost suchen. Nicht nur davon erzählen Nau und Pereyra mit ihrer achtköpfigen Company „Great Dance of Argentina“ in ihrer Produktion „Vida“ („Leben“), die ein Mix aus Tanztheater, Musical und Oper ist.

In Argentinien haben die beiden unter anderem ein Tangohaus wiedereröffnet. Nicole Nau lebt für den Tanz, der ihr auch in der schwersten Krise geholfen hat. Drei Kinder hat das Paar nach der Schwangerschaft verloren. Ihre Autobiografie „Tanze Tango mit dem Leben“ hat Nau darum Maria, Silvan und Joshua gewidmet. „Der Schmerz“, sagt sie, „wird immer bleiben, aber durch den Tanz haben wir wieder gelernt, uns als Paar zu bewegen.“

The Great Dance of Argentina - Vida: 14. Januar, 20 Uhr, Stadthalle Kassel. Tickets: HNA-Kartenservice, 0561/203-204.

Nicole Nau über

... die Rolle der Frau im Tango: „Wer sich als Frau emanzipieren und mit dem Mann gleich werden will, wird es im Tango schwer haben. Der Mann ist der Dirigent, die Frau sein Instrument. Erst im Tango habe ich erkannt, wie stark eine Frau als Frau sein kann, wenn sie die Königin ist. Ich bin eher altmodisch und daher in Argentinien gut aufgehoben: Hier darf ich Frau bleiben.“

... über das Altern: „Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich nicht das Gefühl, 51 zu sein.“

Von Matthias Lohr

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