Das Deutsche Theater in Göttingen zeigt Kleists Lustspiel „Amphitryon“ über den Verlust von Identität

Das Ich ist eine eitle Diva

Verunsichert: Katharina Heyer (Alkmene, von links), Gerd Zinck (Sosias), Jan Pröhl (Amphitryon), Anja Schreiber (Charis). Foto:  Winarsch

GÖTTINGEN. Jubel und Bravorufe wollten nicht enden, als am Samstag im Deutschen Theater in Göttingen nach Kleists Lustspiel „Amphitryon“ das Saallicht anging. Das begeisterte Publikum beklatschte Jasper Brandis präzise und hintergründige Inszenierung sowie die fulminanten Darstellerleistungen.

Mit einem Moment vollkommener Dunkelheit beginnt der Abend - und so stürzt der Regisseur auch sein Publikum in eine erste Verunsicherung. Im Folgenden erlebt es die Identitätszertrümmerung des Feldherrn Amphitryon und seines Dieners Sosias. Eine immer tiefer greifende Irritation, die beiden Figuren den Boden unter den Füßen wegreißt. Jupiter und Merkur geben sich als sie aus und überzeugen schließlich sogar Amphitryon und Sosias selbst, dass sie, die Götter, eigentlich diese Menschen sind.

Was brauche ich, um Ich zu sein? Woran erkennen mich andere? Heinrich von Kleists gleißend schöner Text darf in Brandis Inszenierung funkeln, wird nicht von Regie-Schnickschnack übertüncht oder von der Ausstattung erschlagen. Auf der leeren Bühne erscheinen die Figuren aus dem Schwarz, selbst Amphitryons Haus scheint im Nichts zu schweben, ein fahrbarer Turm mit Ritterburgzinnen.

Die Männer stecken im Smoking, die Frauen in Edelrobe - so umgibt Ausstatterin Monika Rupprecht die Figuren mit einem Hauch Hollywood. Dazu passt Katharina Heyers Posing, ihre Alkmene fällt divenhaft in Ohnmacht, im Scarlett-O’Hara-Stil schmachtet sie den Liebsten an: Zu große Gesten, zu große Gefühle sollen Identität vorspielen - auch Alkmene baut eine Ich-Konstruktion. Und Dienerin Charis eifert ihr nach, mit viel komischem Talent trippelt Anja Schreiber mit schwarzen Söckchen in weißen Pumps, knickt kokett die Hüfte, zieht einen arroganten Flunsch.

Gerd Zinck lässt seinen Sosias mit jeder Körperfaser um Aufmerksamkeit heischen - ein ehrbarer, kleiner Mann, der aufrichtig verzweifelt. Wenn er für einen Moment Hilfe suchend ins Publikum schaut, öffnet Jasper Brandis den Bühnenraum und lässt die Interpretationsräume noch weiter ineinanderfließen. Dass hier ein Schauspiel aufgeführt wird, ist den Figuren im Scheinwerferlicht jederzeit bewusst - auch hier lauter Ich-Konstruktionen. Großartig hintergründig gemacht.

Bei allem Ernst des Themas wird in den zwei Lustspiel-Stunden viel gelacht, besonders, wenn Paul Wenning als barfüßig-komischer Merkur mit der Nebelmaschine das Geschehen verschleiert oder hoch auf dem Turm den großspurigen Türsteher gibt.

Florian Eppinger ist ein dandyhafter Jupiter mit Sexappeal, der nicht einen Funken Vergnügen am Aushebeln des echten Feldherrn zeigt, sondern egoistisch auf seine eigenen, lüsternen Kosten kommen will. Techtelt er mit Alkmene herum, säuselt Filmmusik aus dem Lautsprecher, die er - Zeichen göttlicher Allmacht - mit einer Handbewegung stoppen kann. Jan Pröhl schafft es, seinen Amphitryon binnen Sekunden puterrot anlaufen zu lassen, doch durch die Cholerik seines rustikalen Feldherrn lässt er tiefe Verletztheit schimmern.

Und wenn sich am Schluss Alkmene zwar mit echtem Gatten wiederfindet, aber doch ernüchtert „Ach“ seufzt, macht sie klar, dass Spielen schon aufregender ist als die Realität.

Wieder am 15., 18., 28.12., Karten: 0551-496911.

Von Bettina Fraschke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.