Eine Entdeckungsfahrt: Kerner und sein Nietzsche-Abend

Der Mann mit dem Akkordeon: Welf Kerner. Foto: Malmus

Kassel. Zuweilen wachsen kleine Abende über sich hinaus: ein Mann und sein Akkordeon in einem skurril eingerichteten Raum im Fotomotel, Selbstgeschriebenes zu eigenen Kompositionen und natürlich Nietzsche.

Texte des herausragenden, aber auch umstrittenen Denkers und Philosophen des 19. Jahrhunderts - da stellen sich fast wie von selbst eine gewisse Poesie und Verzauberung ein. Denken macht Spaß: „Denn ihr müsst noch Chaos in euch tragen, um einem tanzenden Stern gebären zu können.“

Welf Kerner hat den Abend „Nietzsche und ich“ gestaltet. Ein Musiker und Allroundtalent, der das Mainstreamige weit hinter sich lässt, wenn er singt, wenn er rezitiert. Nietzsche-Verse, die so waghalsig sind und aufrütteln können. Die er in Klangformen gießt und seine Stimme dazugibt, eine, die rau klingt und harsch, rebellisch und immer auch mitreißend. Kerner erzählt von Nietzsche und seinem Versuch, aus dem Menschen ein selbstbestimmtes Individuum zu machen, das den Mut hat, neue Lebensformen auszuprobieren. Mit Nietzsche auf Entdeckungsfahrt.

Reden aus „Also sprach Zarathustra“ mischt Kerner mit eigenen Liedern und Interpretationen von Schiller und Goethe. Alles fließt irgendwie ineinander, lässt ein kleines Gesamtkunstwerk entstehen. Dazu bedient sich der Musiker auch neben seinem Akkordeon kleiner origineller Instrumente, lässt ein Glöckchen bimmeln, spielt auf dem Xylofon und auf einer kleinen Mundharmonika.

Nichts ist perfekt, und darum alles so vollkommen an diesen Abend. Vielleicht ist Kerner zuweilen bei seinen Rezitationen eine Spur zu laut, zu aggressiv, zu pathetisch, ein Klaus Kinski ist er ja nicht. Aber immer wieder holt einen der Zauber ein.

Von Juliane Sattler

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