Lesung in Schauenburg: Briefe von Klaus und Heinrich Mann

Eine Art Ersatzvater

Inge Jens

Schauenburg. „Warum immer wieder die Manns?“, fragte Inge Jens zum Beginn ihrer Lesung in der Schauenburger Märchenwache. Die 85-Jährige hat die Tagebücher von Thomas Mann herausgegeben und eine viel beachtete Biografie seiner Frau Katia verfasst.

Zuletzt gab sie mit Uwe Naumann den Briefwechsel von Heinrich und Klaus Mann heraus, aus dem die beiden kommentierte Ausschnitte vortrugen. Warum also kommt man vom Mann-Clan nicht los?

Mitherausgeber Naumann gab nach dem konzentrierten Doppelporträt von Onkel und Neffe und der Darstellung ihres Verhältnisses drei Antworten: In den Höhenflügen und Abgründen der Manns spiegelt sich erstens eine Epoche. Es handelt sich um weit mehr als um ein „privates Album“. Zweitens seien die Briefe Ausdruck einer hoch entwickelten „Mitteilungskultur“, die gar nicht hoch genug geschätzt werden könne, die aber in Zeiten von SMS und Mails zu verschwinden drohe. Jede Zeile sei es wert, veröffentlicht zu werden. Und drittens zeigten die Briefe, dass für Klaus Mann sein Onkel Heinrich „eine Art Ersatzvater“ war, zu dem eine große geistige und politische Nähe bestand, wobei der Jüngere bisweilen „durch Verehrung eingeschüchtert“ war.

Erschütterung und Nachfragen lösten bei den Zuhörern in der vollen Märchenwache die Umstände von Klaus’ Freitod 1949 aus. Der Vater überlegte laut Tagebuch „einen Augenblick“, seine Skandinavien-Reise für die Beerdigung in Cannes zu unterbrechen. Und unterließ es. Als Inge Jens seine Witwe daraufhin ansprach, entschied sich Katia Mann, diese Passage nicht zu streichen: „Das finden Sie scheußlich, nicht? So war er, das bleibt.“ Fotos:  von Busse

Klaus Mann - Lieber und verehrter Onkel Heinrich, Rowohlt, 299 S., 19,95 Euro

Von Mark-Christian von Busse

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