Experimentierfreudig: Martin Walsers neuer Roman „Das dreizehnte Kapitel“

Eine Eruption in Briefen

Es ist erstaunlich, sogar bewundernswert, mit welcher künstlerischen Ausdauer und kreativen Energie Martin Walser in regelmäßigen Intervallen und auf nicht absinkendem Niveau publiziert und immer wieder zu überraschen versteht. Nach fast 60 Jahren Schriftstellerei in einem Alter von 85 Jahren.

Walser ist sich seit den 50ern in seiner (Ver)-Wandelbarkeit treu geblieben. Das macht ihn künstlerisch unberechenbar. Seine Experimentierfreude scheint keine Grenze zu kennen. Jetzt legt er einen Roman vor, dessen überwiegender Teil aus Briefen besteht und der im konventionellen Sinn beinahe handlungslos ist. Diese Korrespondenz liest sich seltsam altmodisch, aber dahinter verbirgt sich ein sorgsam komponiertes, stilistisch geschliffenes Gedankenspiel über Möglichkeiten, Grenzerkundungen und vorsichtige Tabubrüche.

Der Schriftsteller Basil Schlupp und die Theologin Maja Schneilin lernen sich auf einem Empfang des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue kennen. Die Feierlichkeit wird zu Ehren von Majas Mann, dem Hirnforscher Korbinian, ausgerichtet. Auch Basils Ehefrau Iris, ebenfalls Schriftstellerin, wohnt dem Bankett bei.

Unter einem Vorwand beginnt Basil (schüchtern wie ein Teenager, aber piekfein formuliert) die Korrespondenz mit Maja, einer leidenschaftlichen Anhängerin des Theologen Karl Barth. Das Startzeichen für eine Gedanken- und Gefühlseruption in schriftlicher Form. Die Intervalle zwischen den Briefen, die an Vertraulichkeit gewinnen, werden kürzer. Kleine Geheimnisse werden anvertraut, der Tonfall changiert zwischen Höflichkeit, Respekt und zart angedeuteten Schmeicheleien. Walser entpuppt sich als Meister dieser sprachlich-altbackenen Galanterie.

Die Korrespondenz entwickelt sich zur emotionalen Achterbahnfahrt. Irgendwann bezichtigt Maja Basil der Lüge und des Gefühlsverrats, die Sympathiewerte sinken wieder. Höhen und Tiefen einer Partnerschaft ziehen sich wie ein roter Faden durch diese platonische Beziehung, über die Maja sagte: „Tatsächlich glaube ich an unsere Unschuld.“

Am Ende stehen unerfüllte Sehnsüchte und verletzte Eitelkeiten, aber auch viele gewonnene (schmerzliche) Erkenntnisse. Ein wunderbar unkonventionelles, anstrengendes, aber nicht ermüdendes, ein aufwühlendes, aber nicht deprimierendes Buch. Und ein durch und durch walser-typischer Roman.

Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel. Rowohlt, 266 S., 19,95 Euro, Wertung: !!!!! Martin Walser liest am 22. 10., 19.30 Uhr, in der Mehrzweckhalle Vellmar-Frommershausen. Karten: Tel. 0561/826561

Von Peter Mohr

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