Eine Farce wird zur Anklage

Premiere am Jungen Theater Göttingen mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht!“

Komik in atemberaubendem Tempo: Eva Schröer (als Margherita, von links), Jan Reinartz und Linda Elsner (Antonia). Foto:  Heise

Göttingen. Es ist ein Theaterabend zum Genießen, zum Lachen über die Absurditäten der Gesellschaft. Dario Fo hat die Polit-Farce „Bezahlt wird nicht!“ vor 40 Jahren geschrieben. Gast-Regisseurin Christine Hofer hat sie am Jungen Theater in Göttingen inszeniert. Fast ununterbrochenes Lachen und tosenden Applaus spendete das Publikum am Donnerstag zur Premiere.

Zur Zeit der Arbeitskämpfe Mitte der 70er Jahre hat der italienische Dichter und Nobelpreisträger Fo das Stück geschrieben: Frauen wehren sich gegen Lebensmittelpreise. Sie räumen einen Supermarkt aus – ohne zu bezahlen. Antonia und Margherita waren dabei, ihren Männern wollen sie das nicht sagen. Denn für Antonias Giovanni ist Ehrlichkeit ein unumstößlicher Wert. Margherita versteckt Beute unter ihren Kleidern, Antonia tischt eine Schwangerschaft auf. Als die Polizei zu einer Hausdurchsuchung kommt, bringt sie das in groteske Situationen.

Doch dann stehen Luigi und Giovanni vor der Pleite: Ihnen droht die Arbeitslosigkeit. Giovanni denkt um, auch die Männer stehlen. Ein Räumungsbefehl für ihr Mietshaus toppt alles. In Zeiten der ökonomischen Krisen in Europa schreit das Stück nach gesellschaftlichen Veränderungen.

Der Abend ist ein Kraftakt für die Schauspieler. In atemberaubendem Tempo hat Hofer die bissige Komödie inszeniert. Anderthalb Stunden jagt ein Gag den anderen. Allein die Tür zur Speisekammer, die Geheimnisse unerwünscht preisgeben könnte, entwickelt sich zum Running Gag und verlangt viel Akrobatik. Eine Hundefutter-Dose wird zum Baby. So manche Variante einer Schwangerschaft lässt sich damit eindrücklich zeigen. Der Inhalt zeigt drastisch die große Not: Er wird Ersatz für eine Mahlzeit. Egal wie absurd die Spielszenen scheinen: Zusammen mit Eva Schröer als Margherita meistert Linda Elsner alias Antonia alle Hakenschläge mit Bravour.

Nicht nur ihre Männer Luigi (Peter Christoph Scholz) und Giovanni (Gerrit Neuhaus) kommen bei dem Tempo ins Schleudern. Den Zuschauern bleibt kaum Zeit zum Atemholen. Als Polizist, Carabiniere, Leichenbestatter und Vater liefert Jan Reinartz ein Meisterstück der (Nicht-)Verwandlung: Immer bleibt er als „der Mahnende“ zu erkennen.

Mit dem Chor der zornigen Frauen in Anlehnung an die alten Griechen zeigt Hofer, dass die Paare mit ihren wirtschaftlichen Nöten nicht allein dastehen. Die vier Zornigen verstärken deren Stimmen, die wirtschaftliche Not wird wie in Griechenland zum quälenden Problem für alle. Komik à la Charlie Chaplin bescheren die zwei Schüler der Ordnungshüter.

Für alle, die gern mit Niveau und viel lachen, ist der Abend im JT ein Muss.

Nächste Termine: 12., 15., 22. und 31.12. Karten: Tel. 0551/495015, www.junges-theater.de

Von Ute Lawrenz

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.