Don DeLillos verwickelter Roman „Der Omega-Punkt“

Eine Frage der Zeit

Der Ältere weiß es besser. Er heißt Richard Elster, ist 73 und hat eine Vergangenheit. Wechselweise nimmt er Medikamente und Scotch. Seine Ehe ist kaputt. Als Gelehrter hat er sich mit dem Aussterben unserer Spezies beschäftigt. Sein hohes Ansehen war das eines Außenseiters, in der Wissenschaft wie im Leben. Nach dem 11. September wurde er für das Pentagon interessant. Man suchte einen mit Format und gutem Ruf, der den Diskussionen um den Irak-Krieg eine andere Dimension geben könnte, um die Blickwinkel zu weiten.

Natürlich war er fehl am Platz, umrundet von Pragmatikern: zwei Jahre unter Kleingeistern mit ihren Statistiken und Rationalisierungen, Risikokalkulationen und Strategiepapieren. Zwei erfolglose Jahre, aus denen er Schlüsse gezogen hat. Seither igelt er sich ein in einem Haus in der kalifornischen Wüste, pflegt den spirituellen Rückzug und seinen Ekel vor Nachrichten und dem Verkehr mit dem Rest. Zwei ihn kompromittierende Jahre, für die er sich nun rechtfertigen soll.

Doch Richard Elster ist so wenig eindimensional wie alle Romane des 73-jährigen Amerikaners Don DeLillo. Er ist die irritierende Hauptfigur seines neuen, dem Umfang nach kleinen, der Gedankenwelten nach großen Buchs. Von der Korrumpierbarkeit durch die Macht wird erzählt, von der Sehnsucht nach etwas Größerem, von der Rolle des Gewissens und davon, dass es einfache Wahrheiten nicht gibt.

Elster weiß, dass die 68er-Zeit der Barrikaden und klaren Trennungen vorbei ist. Alles ist viel komplizierter. Auch der Irak-Krieg. In äußerst präziser Sprache erzählt DeLillo und in einer verwickelt schlüssigen Konstruktion. So schwingt sich das Buch verstörend auf in überpolitische Ebenen, wird zu einem Manifest der Entschleunigung, zu einem überzeugenden Spiel mit der Zeit, deren Dimensionen radikal verändert werden. Auslöser war DeLillos Fasziniertheit von einer Videoins-tallation des schottischen Künstlers Douglas Gordon, die 2006 im New Yorker Museum of Modern Art gezeigt wurde.

„24 Hour Psycho“ dehnte einen Hitchcock-Film auf 24 Stunden. Mitten im Raum eine Leinwand, schwarz-weiße Zeitlupe vorn und hinten, was passiert, dauert ewig, die Grausamkeiten sind nicht mehr grausam, weil sie von der Zeit verschlungen werden.

Die Beschreibungen dieses Raums geben dem Roman seinen suggestiven Rahmen. Dorthin wird Richard Elster von Jim Finley geführt. Der ist Filmemacher und auch so einer, der Bilder anders laufen lässt. Er will Elster zum Sprechen bringen. Der ist dagegen und lädt den potenziellen Störenfried doch zu sich in die Wüste. Dort ist das Zentrum des Romans, in dem der eine den anderen dabei beobachtet, wie der ihn beobachtet.

Dann erscheint wie aus dem Nichts Elsters Tochter Jessie. Die Geschichte nimmt eine unverhoffte Wendung. Zwei Männer müssen zurück in ihre Realität. Die ist nicht im Irak oder in Washington in diesem Buch, das um das Höhere kreist.

Don DeLillo: Der Omega-Punkt. Kiepenheuer & Witsch. 112 S., 16,95 Euro, Wertung: !!!!:

Von Ulrich Steinmetzger

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