Schwermütige Bardin, Kölner Jeckin und Rock-Frau: Die vielseitige Anne Haigis im Theaterstübchen

Eine Frau mit 1000 Gefühlen

Mit tosendem Applaus gefeiert: Anne Haigis bei ihrem Kasseler Auftritt, dahinter ihr Gitarrist Jan Laacks. Foto: Malmus

Kassel. Die Singer/Songwriterin Anne Haigis gehört zu den immer rarer werdenden Edelsteinen einer Musikgeneration, für die Singen und Musik machen noch das Tor zum Ich ist. Vom tiefsten Punkt des Schmerzes bis zum höchsten der Glückseligkeit pendelt sie in ihrer Seelenlandschaft. Mit ihrer aktuellen CD „Wanderlust“ im Gepäck gastierte die 56-jährige Wahlkölnerin aus Rottweil im Theaterstübchen und sorgte zusammen mit dem Gitarristen Jan Laacks für ein Konzert der Gefühls-Spitzenklasse.

Zwei akustische Gitarren und eine Frau mit 1000 Gefühlen. Die meisten davon sind auf ihrer neuen CD in fragiles Moll getaucht: Zärtlich, wuchtig, zerbrechlich gibt sie ihnen Leben. Andere Künstler würden bei so viel nachtblauem Blues in der Seele Gefahr laufen, ins Jammertal abzustürzen. Nicht aber Anne Haigis. Mit ihrer wuchtigen, herb-rauen Reibeisenstimme der Marke „Ich lebe alles bis zur Neige“ rasiert sie allzu triefende Gefühlstriebe einfach ab.

Was bleibt, sind Gänsehaut pur und die Kontraste dazu, die sie durch ihre Kommentare setzt. Anne Haigis ist ein Original. Die Frau besitzt nicht nur Herz, sondern auch Kölner Schnauze. Halb Gefühls-Bardin, halb Kölner Jeckin: „Ich stamme aus einem Ort, wo der beste Karneval der Welt herkommt“, ulkt sie lachend ins Mikro und lässt Sekunden später „Tennessee Tears“, ein tieftrauriges Stück über zerbrochene Liebesgeschichten folgen.

Ebenso schwermütig klingt das Trude-Herr-Stück „Nacht aus Glas“. „Das hat sie kurz vor ihrem Tod geschrieben“, erzählt Haigis. Wenig später kommt wieder die urige Seite zum Vorschein: „In den 80er-Jahren war ich eine blöde, trotzige Göre“, berichtet sie lachend. Mit „Paper Aeroplane“ folgt wieder eine Herzschmerz-Ballade. Wechseln die musikalischen Stimmungsfarben in Rock-Blues, kommt noch eine Facette zum Tragen. Die Rock-Frau. „Aufstehen“, fordert sie das Publikum auf und ruft: „Denkt an die Zeit, als ihr jung wart.“

Zum Abschluss „Waltzing Matilda“, das Schmachtwerk, das einst schon Rod Stewart und Tom Waits durchlitten. Die Haigis tut es nicht weniger leidenschaftlich. Wunderkerzen flammen im Saal auf. Und Anne Haigis? „Wat’n scheiß-geiles Stück.“ Sichtlich gerührt nimmt sie den tosenden Applaus entgegen.

Von Steve Kuberczyk-Stein

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